VERA RÖHM                                          "RAUM UND RHYTHMUS"

 

 

 

 

 

 

 

 

Vera Röhm

 

 

 

 

 

 

Prof. Eugen Gomringer

Eröffnungsrede zur Ausstellung von Vera Röhm "Raum und Rhythmus"

 

VERA RÖHM

"RAUM UND RHYTHMUS"

 

"Zu Beginn war das eigentlich eine Dokumentation über die Begriffe Dekonstruktion und Konstruktion. Damals klaffte in Darmstadt ein großes Bauloch und ein anderes in Paris, wo später das Centre Pompidou entstanden ist. Das war der Anfang.

Als ich im Marais diese vielen Gerüste, alle diese Hölzer betrachtete, die man zur Erhaltung an manchen Fassaden errichtet hatte, um sie abzustützen, habe ich den Rhythmus gesehen, der darin steckte. Mir wurde klar, dass ich in diesem Rhythmus eine andere Form anlegen konnte, den Rhythmus damit verändern konnte, dass ich plötzlich eine Form, ein geometrisches Netz konstruieren konnte, dass ich, ohne ihn zu zerstören, eingreifen und umgestalten konnte; ich bin in diesem Rhythmus geblieben, indem ich etwas anderes angelegt habe." (VERA RÖHM, 2002)


Die grob gezimmerten Holzbalken, zur Stabilität der umliegenden Gebäude errichtet - in der Beschreibung von Rainer Maria Rilke "... Häuser, die nicht mehr da waren. Häuser, die man abgebrochen hatte von oben bis unten." (aus: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge) -, erwecken rasch VERA RÖHMS Interesse. Die chaotisch erscheinenden Balken-Konstrukte folgen einem System, einem Rhythmus und werden von der Künstlerin 1977 fotografisch festgehalten. Durch gezielte Eingriffe in wenige ausgewählte Fotografien mittels Einbringen von homogenen, opaken Farbflächen in Weiß, Rot, Gelb oder Blau entstehen Hervorhebungen, die augenscheinlich sind, jedoch den Rhythmus dieser Holzverstrebungen nicht zerstören, sondern vielmehr eine bestimmte, elementare Form akzentuieren, um sie gleichsam im nächsten Werk in das Holzbalken-Netzwerk zurück einzugliedern. Stattdessen tritt ein anderes geometrisches Formgebilde visuell-materiell in den Mittelpunkt, das im Kontrast zur sichtbaren, nahezu spürbaren Maserung und Verwitterung des Holzes, zu den Unebenheiten aufgrund der eingeschlagenen Metallnägel sowie zu den Licht- und Schatten-Zeichnungen auf den Holzverstrebungen Spannung erzeugt. Durch zentrale, peripherische oder gesamtflächige Akzentuierungen, durch verschiedene Formate und Materialien entsteht eine Vielzahl serieller Kompositionen, die den Blick unaufhörlich schweifen lassen zwischen den unterschiedlichen Bildraumtiefen, innerhalb der Komposition in der Bildfläche wie auch im Wechsel zwischen den einzelnen Foto-Arbeiten - bis hin zum "Stützwerk, Trompe-l'œil" von 2014, das den Bildrand überwindet, zur Skulptur wird und damit zur materiellen, real fassbaren Holzkonstruktion zurückführt.


Eva Fürstner



VERA RÖHM

"SPACE AND RHYTHM"


"In the beginning, it was actually more a documentation on the concepts of deconstruction and construction. At the time, there was a large hole in the ground in Darmstadt where construction work was going on, and another in Paris, where later the Centre Pompidou came to stand. That was the beginning of things.

On observing in Marais all the scaffolding, all the wood erected to preserve the one or other building frontage, to support them, I spied a rhythm behind it all. It was clear to me that I could create a different form but use the same rhythm, and by doing so would change the rhythm, that I could suddenly construct a form, a geometric network that I could tackle and alter without destroying it. I kept in the rhythm by coming up with something else." (VERA RÖHM, 2002)


VERA RÖHM is immediately interested in the roughly carpentered wood beams which were erected to guarantee the stability of the surrounding buildings and described by Rainer Maria Rilke as “… buildings which did not exist anymore. Buildings which were broken down from top to bottom.” (out of: The Notebooks of Malte Laurids Brigge).

In 1977 the artist took photos of the pell-mell emerging beam constructions responding to a system, a rhythm. Through targeted interventions using coloured areas in White, Red, Yellow and Blue in few selected photos an obvious display is generated without destroying the rhythm of these wood bracings but rather accentuate a certain basic shape just to get reincorporated in the network of wood beams in the following creation. Instead of that another geometric form is visually and substantially brought into focus and tension is created by the contrast to the visible, almost tangible grain and the weathering of the wood, the asperities due to the punched nails as well as the drawings of light and shadow on the wood bracings. Through central, peripherical and overall-area accentuations, through different dimensions and materials a multitude of serial works is generated which induce to watch perpetually roaming between the diverging space depths, within the composition of the picture area as well as between the separate photo works up to the “Support work, Trompe-l'œil“ from 2014 which passes over the border of the picture, becomes a sculpture and for this reason traces back to the material, tangibly perceptible wood construction.



Eröffnungsrede von Prof. EUGEN GOMRINGER

zur Ausstellung von VERA RÖHM

19. Juni 2015

 

 

Meine Damen und Herren,


selbst die umfangreiche, in allen Teilen inspirierende Ausstellungstätigkeit von Vera Röhm kann nicht verhindern, dass oft über das Bild des Einzelnen das Bild des Ganzen, d.h. des persönlichen Gesamtkunstwerks etwas aus dem Blickfeld gerät. Dabei ist es ja wohl so, dass selbst die einzelnen Sparten, in ihrer Ausrichtung eben einen weiten Hintergrund denken lassen. Vera Röhm kann heute auf äußerlich unterschiedlichen Feldern zu je einer spezifischen Darstellung eingeladen werden und man gewinnt immer auch einen Durchblick auf das Ganze mit. So erinnern wir mit der gegenwärtigen Präsentation einer hoch ästhetisch hoch konzentrierten Information, welche Gestaltungsfelder wir im stillen mitrechnen.


Es ist vorerst die Figur des Tetraeders, dem man früh im sich bildenden Werk begegnet und der sich als Hilfs- und Grundfigur anbietet, zum Beispiel in einer Abwandlung als Schattenrelief. Auf das spitzwinklige Dreieck reduziert, erscheint diese Figur wie ein Archetypus, ein fest haftender Bestandteil in Vera Röhms mentalem Repertoire. Zur großen Attraktion und für viele Beobachter als ihre erste Marke wurde bald das konstruktive Konzept der Plexiglas-Ergänzungen, der windgebrochenen Hölzer in ihrer Verwandlung zum Typus „Ergänzung“, sei es als künstliche Fortsetzung des abgebrochenen Wachstums, sei es als Winkel-Ergänzung mit Plexiglas zu Holz- oder Steinteilen. Geometrische Formen, in sich zweigeteilt als einzelne Zeugen oder strukturiert in ganzen Feldern bilden also auch hier das Rückgrat gestalterischer Überlegungen.


Weite Beobachtungsräume beanspruchen dann die wissenschaftlich fundierten Arbeiten zur Gleichwertigkeit von Licht und Schatten und die zu Schattenwanderungen einer „Typographie der Zeit“ entwickelten Wahrnehmungsfakten. Ein besonderer Bereich, der für die Öffentlichkeit der Kunst bestimmt war und aus ihr auch Anregungen gewann, war Vera Röhms Arbeit mit der Sprache. Sie geht auf menschliche Lebensfragen wie auch auf philosophische Sentenzen ein und legt viel Wert auf die Schönheit der Schrift. Einbezogen werden die unterschiedlichsten Sprachen bis zu Hebräisch und Thai. Ein Ausgangspunkt ist der Satz „Die Nacht ist der Schatten der Erde“, den sie von Johann Leonhardt Frisch (1666-1743) übernimmt und jetzt mit den Mitteln zeitgemäßer Kunst tellurisch bekannt werden lässt.


Dieser geraffte, nicht vollständige Überblick darf als Versuch betrachtet werden, festzuhalten, welche Erkenntnisse sich aus verschiedenen Gestaltungsfeldern im fotografischen Moment anbieten, das heißt was geometrische Komplexität mit sprachlicher Syntax mit Licht und Schattenwahrnehmung und mit ästhetischer Zeichenästhetik intermedial vereinigt. Was die Künstlerin seit Beginn ihrer Gestaltungen mit dem Griff zur Kamera stets dokumentiert hat, ist zu einem umspannenden Instrumentarium angewachsen. Es mag ein Großteil räumlich-konstruktiven Konzepten dienlich sein, aber in der Erinnerung hält sich sicherlich zum Beispiel auch das erschütternd großartige Bild des tragisch beschatteten Anblicks von Masada, der jüdischen Agonie im Sturm der Römer. Das heißt, dass die Fotografie von Vera Röhm auch historischen Humancharakter mit ein bezieht und kein Abgeschlossenes ist.


Damit können wir nun auf das authentische Werk der Stützwerke mit gebührendem Rüstzeug eintreten. Wir sind selbst vom Abbild von der Wucht der Stützwerke, die in dieser und jener Ansicht etwas Selbstverständliches ausdrückt - das zeigt sich seit den frühesten Ausnahmen von 1977 – total überrascht und fragen uns, ob so etwas überhaupt Wirklichkeit sei. Natürlich täuscht die Fotografie nichts vor, was nicht ist. Zur Überraschung zählt erstens, dass diese Konstruktionen schon existent vorhanden waren vor dem Griff zur Kamera, zum zweiten, dass sich die Künstlerin von ihnen fesseln ließ und sie eben nicht als Endgültiges, als starre Struktur wahrnahm. Auch dem normalen Beobachter kommunaler Bauvorhaben waren die Stützwerke sicherlich mehr als einen Blick wert, und wahrscheinlich hat er noch einen kritischen Blick über die konstruktive Festigkeit usw. aufgebracht. Aber bei der Künstlerin setzte im Moment der Wahrnehmung auch das Moment des Wahrnehmungsgehalts mit allem ein, was an konstruktiver Ereignisvielfalt die Erinnerung speichert – und das haben wir gesehen, ist an Fülle nicht zu übertreffen. Sie konnte mehr als das erste Staunen mobilisieren, bewegen. Sie konnte oder musste am Bild tätig werden.


Wenn wir den Gegenstand unserer Wahrnehmung vermittelt durch das fotografische Bild sozusagen ohne Emotion prüfen, stellen wir eine verwirrend komplexe strukturierte Konstruktion fest, der wir aber zubilligen, eine streng kalkulierte Konkretion eines architektonischen Hilfsprogramms zu sein. Fast mag es uns scheinen, als wäre das Stützwerk das Problem überhaupt. Es hat sich unter der Hand der professionellen Zimmermannsarbeit und der Berechnungen über Festigkeit des Materials usw. ein konkretes Kunstwerk gebildet. Es ist in seiner Objektivität der Fall der bewussten Erkenntnis semiotischer Zeichenerkennung, die im Dreischritt, dem triadischen System, die symbolische, die ikonisch-bildliche und die indexal-empirische Komponente in eins fasst, um als Zeichen dienstbar zu sein. Wir wägen ab, welche der drei Bezüge zu den realen Stückwerken in Aktion traten bzw. für die Künstlerin primär, sekundär und tertiär ausgeweitet zu werden verdienten. Wir dürfen schließen, dass sich der künstlerische Wahrnehmungsprozess nicht um die Kategorientafel der Zeichenerkennung bemühen musste, die wir nachträglich im Erkenntnisprozess einsetzen, sondern sich auf Erfahrung stützen konnte. Was sich als fotografisches Bild präsentiert, ist nicht allein ein dokumentarisches Still-Leben, ein Stillstand, sondern es ist – und das macht nun den Reiz der Arbeit von Vera Röhm richtig aus, ein dialektisches Bild. Der Begriff stammt von Walter Benjamin und bezeichnet die Unabgeschlossenheit eines fertigen Bildes, in dem auch der geschichtliche Prozess, den der Künstler aus Erinnerung und Erfahrung einbringt, das Bild bewegt. Mit anderen Worten: Vera Röhm hat in ihrer Bearbeitung, mit ihren Eingriffen die verschiedensten Bezüge einfließen lassen. Das heißt, sie hat das Symbolische der komplexen Struktur, den bildlichen Charakter und das Gesetzmäßige, Syntaktische des Konstruktiven sozusagen ästhetisch koordiniert Äußerliches Ergebnis sind Akzente, die wiederholte aber unterschiedliche Wahrnehmungsblickpunkte setzen. Sie werden zu Rhythmen im Raum - deshalb der genau treffende Titel der Ausstellung. Wichtig ist dabei jedes Detail, wie sie Eva Fürstner in ihrem Einladungstext notiert hat. Alles trägt in der Struktur bei zur Verteilung von Licht und Schatten, alles ist syntaktisch lesbar, wiederholt sich, ist aber Herausforderung der Veränderung. Und das wird genau, intentional von der Künstlerin erwirkt. Und erinnern uns nun die Holzbalken nicht auch an das Bruchholz mit Ergänzungen? Nein, es kommt kein Bruchholz vor, aber der Materialeffekt ist gegeben und ruft die Erinnerung hervor. Ist nicht alles ein Gesamtes, ein großer Ordnungsraum und strebt zum Ganzen, Wahren, dem Gesamtkunstwerk zu? Es reizt, möchte ich einwerfen, die berühmte Birkhoffsche Formel für das Maß unseres Wohlgefallens bei gegebenem Ordnungskoeffizient und Komplexität des Objekts streng wissenschaftlich in Anwendung zu bringen. Objekt und ästhetischer Eingriff sind vielfältig auf einander eingestellt. Wohlgefallen am Ganzen wedchselt ab mit der Neugier über die kreative Möglichkeit – oder wollen wir sagen: der Notwendigkeit.


Vera Röhm hat ein überzeugendes Beispiel geschaffen, wie Realität und ästhetische Absicht, wie Geschichtlichkeit gewordene Erfahrung und lebendige Erfahrung auf einander abgestimmt werden können. Der Sinn des Eingriffs in Netzwerke wird ästhetisch demonstriert. Sie hat der Hardware eine Software zugeordnet. Über ihr Werk setzen wir als Schlussstein, was Werner Schmalenbach, Düsseldorf, einmal mit folgenden Zeilen prägte:

Durch den Umgang mit Kunst werden Maßstäbe gebildet, sei es im Bewusstsein des Einzelnen, sei es im Bewusstsein einer Generation, sei es im Bewusstsein der Menschheit.

 

 


BIOGRAFIE

 

VERA RÖHM, geboren 1943 in Landsberg/Lech, aufgewachsen in Genf und Darmstadt. 1961-67 Studium an der ECAL in Lausanne. 1968 Arbeitsaufenthalte in New York, Neu-Mexiko und Kalifornien. 1969 erste plastische Arbeiten in Paris, ab 1972 Binome, Skulpturen aus Metall und Stein in Verbindung mit Plexiglas, und erste Tetraeder mit Einschnitten, berechnet nach Halbierung der Winkel oder Schenkellänge im Grundriss des Dreiecks. 1975 Beginn der Werkgruppe Ergänzungen, Materialverbindungen aus Holz und Plexiglas, und Beginn der Baumarbeiten. 1977 Foto-Dokumentation von Gebäude-Abrissen im Pariser Maraisviertel als Grundstock für den Fotozyklus Stützwerke. 1983 Bühnenbild-Entwurf für La nuit juste avant les forêts von Bernard-Marie Koltès in der Regie von Sigrid Herzog für das Theaterfestival München. Die visuelle Darstellung von Zeit, Raum und Bewegung begründet ab 1983 den Werkzyklus Topografie der Zeit, die Fixierung des Schattenwandels geometrischer Körper im Tagesablauf; Zeichnungen, Reliefs, Plastiken und Rauminstallationen entstehen. Umsetzung der polyglotten Werkreihe Die Nacht ist der Schatten der Erde ab 1985 in vielgestaltigen Medien. 1989 Zusammenarbeit mit Gerhard Bohner Im (Goldenen) Schnitt I, Durch den Raum, durch den Körper - Uraufführung in der Akademie der Künste, Berlin. Von Cesc Gelabert übernommen, folgen weltweite Tanzaufführungen, u. a. 2002 im Centre Pompidou, Paris. 1995 Dokumentationsreise zu historischen indischen Observatorien in Neu Delhi, Jaipur und Ujjain. 1997 Wilhelm-Loth-Preis und 2003 Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt. Arbeiten in zahlreichen internationalen Sammlungen und Museen. Ausgeführte Wettbewerbe im öffentlichen Raum. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. VERA RÖHM lebt in Darmstadt und Paris.


http://www.veraroehm.com/