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Für den planenden Architekten DI Michael Kocher (Graz) bestand
im Zuge der Revitalisierung des Jahrhundertwende-Baus die
Aufgabe vor allem darin, die einzigartige Struktur dieses
Zentralbaus sichtbar zu machen. Die bisherige Nutzung als
öffentliches Wannen- und Duschbad hatte die Durchschaubarkeit
des Raumkonzepts durch den Bestand zahlreicher Trennwände
weitgehend verhindert. So war der zentrale Kamin bisher im
Inneren des Gebäudes kaum sichtbar gewesen, der den Kamin
umfangende oktogonale Hauptraum konnte in seiner hermetischen
Eindringlichkeit zuvor nur erahnt werden. Architekt Michael
Kocher öffnete nun den Eingangsbereich zu einem großzügigen
Foyer, das den Blick freigibt zur mächtigen Kaminarchitektur
und zu der diesen umschließenden Rundgalerie.
Das ursprünglich als Trockenraum in zwei Ebenen genutzte Dachgeschoss
beherbergt nun in einem Mittelgeschoss die MUWA-Galerie
und darüber - in einem nicht öffentlichen Bereich - die Bibliothek
des Museums und einen Arbeitsraum. In diesen beiden vom Linzer
Designer Fritz Stiper gestalteten Obergeschossen finden sich
weiterhin Zitate der ursprünglichen Nutzung des Hauses. Die
fragile hölzerne Zwischendecke wurde durch eine Stahlkonstruktion
ersetzt, in die eine massive Holzdecke eingelassen ist; die
hochgelegenen Fenster senden Tageslicht durch betretbare Glaselemente
in dieser Zwischendecke in die darunterliegende Galerie.
Die großzügige Öffnung der Räume erschließt, trotz der einschließlich
der Kellerräume insgesamt mit knapp über 400 Quadratmetern
eher geringen Grundfläche, dem Museum der Wahrnehmung eine
vielfältige Nutzung. So dient das Foyer auch als Seminar-
und Veranstaltungsraum mit bis zu 50 Sitzplätzen. Der große
Hauptraum nimmt die permanente Ausstellung der Wahrnehmungsinstallationen
auf, die Galerie im ersten Stock wird für wechselnde Ausstellungen
genutzt.
Seit dem Bestehen des MUWA im ehemaligen „Tröpferlbad“ haben
Künstlerinnen und Künstler in sehr unterschiedlicher Weise
auf dieses Haus, seine Gestalt und seine Geschichte Bezug
genommen: Die Architekturfotografin Margherita Spiluttini
machte den Anfang, als sie mit ihren Fotografien knapp vor
dem Abriss der alten Badeanlagen diesen Abbruch gleichsam
bildnerisch vorweggenommen hat. Spiluttinis Arbeit schuf damals
einen merkwürdigen Schwebezustand zwischen real noch anwesendem
Interieur und den dokumentarisch die Schleifung vorwegnehmenden
Fotografien vor Ort.
Danach haben Monika Gentner und Norbert Math im Rahmen der
dreiteiligen Serie „Der springende Punkt“ mit ihren Klang-
und Text-Installationen auf das Oktogon dieses Hauses Bezug
genommen; in derselben Serie nach ihnen Martin Breindl, Petra
Ganglbauer, Peter Pessl und Andrea Sodomka mit ihrer Biofeedback-Maschine,
die einen interaktiven Dialog herstellte zwischen den Körperdaten
der BesucherInnen und den oktogonal angeordneten Quellen fragmentierter
Texte.
Einen Bezug gänzlich anderer Art wählte Irene Andessner. In
ihrer Ausstellung IM BADEHAUS reflektiert sie in drei Etagen
des MUWA die fast einhundertjährige Geschichte des historischen
Volksbades. In großformatigen Foto-Leuchtkästen erzählte die
in Wien, Köln und Venedig lebende Künstlerin das niemals Niedergeschriebene,
das Ungesagte und Unaussprechbare, das durch Schicklichkeit
und Tabu von aller Abbildung Ferngehaltene, zugleich das nicht
Wiederholbare, für das auch dieses Haus Ereignisort ist.
In Irene Andessners Fotoplots war nicht die Rede von der
dampfend schwülen Gemeinsamkeit der Badenden, nicht vom seifigen
Klatschen, das über die mannshohen Trennwände zwischen den
Badekojen hinweg im historischen Bad den Rhythmus gegeben
hat; auch nicht von der geschwätzigen Übermütigkeit der Badenden,
die durch das Wärterpaar kaum in Zaum gehalten werden konnte.
Der lauten Oberflächlichkeit des Badens stellte Andessner
in ihrer Interpretation des Gebäudes die stille Konzentration
der Reinigung gegenüber, das Gewahrwerden des Körpers und
seiner Träume und Phantasien. Für ihr intimes Thema der Selbstbespiegelung,
für ihre Paraphrasierung des Topos vom Narziss, ihre subtilen
Variationen vom Beziehungshoffen und Entziehungsspielen, wählte
Irene Andessner mit dem Foto-Plott die - wie der Kunsttheoretiker
Gerhard Johann Lischka feststellt - „ höchstgradig dialogisch
aufgeladene Oberfläche“, die Dominante des elektronischen
Zeitalters, in welchem die über 500 Jahre im Bildaufbau gepflegte
Perspektive in das Rezeptionsvermögen der Betrachter zurückversetzt
wird und „wir die willkürlichen und absichtlichen Schichtungen
der Perspektivelosigkeit zu einer Perspektive verarbeiten,
die wir uns selbst zusammen mit dem Objekt geben“.
Als 1996 der Doyen der sich damals Kybernetik nennenden Wissenschaft
von der Funktionsweise des menschlichen Wahrnehmungs- und
Denkapparates, Professor Heinz von Foerster, das Oktogon in
seiner neuen Funktion eröffnete, sprach er einen Satz aus,
mit dem er das programmatische Ziel des Museums der Wahrnehmung
mit großer Deutlichkeit umriss. Heinz von Foerster sagte:
„Wir verstehen das Verstehen nicht. Es entzieht sich uns.
Es entschlüpft uns, denn wir merken nicht das Unglaubliche,
das Rätselhafte, das Erstaunliche, das Wunderbare, das in
alltäglichem Gespräch und Reflexion vor sich geht. Erst wenn
dieser Strom von Selbstverständlichkeit durchbrochen wird,
stehen wir staunend vor diesem Wunder.“
Und an anderer Stelle zitiert Heinz von Foerster über den
Prozess der Konstruktion von Wirklichkeit Wilhelm von Humboldt
mit einer nun fast 200 Jahre alten Feststellung: „Um zu reflektieren,
muss der Geist in seiner fortschreitenden Tätigkeit einen
Augenblick still stehen, das eben Vorgestellte in eine Einheit
fassen, und auf diese Weise, als Gegenstand, sich selbst entgegenstellen.
Die Einheiten, deren er auf diesem Wege mehrere bilden kann,
vergleicht er wiederum untereinander und trennt und verbindet
sie nach seinem Bedürfnis.“
Anders als Irene Andessner durchbrach die Fotokünstlerin Sabine
Richter mit ihrer Ausstellung im Jahr 2001 jenen „Strom von
Selbstverständlichkeit“, von dem von Foerster spricht. Sie
machte das „Unglaubliche, das Rätselhafte, das Erstaunliche“
, das uns in der Alltagsrealiät begegnen kann, in ihrer Arbeit
sichtbar und nachvollziehbar. Dann beispielsweise, wenn sie
Architekturdetails aus ihrem konstruktiven Zusammenhang loslöste
und ihnen andere Aufgaben zuteilte: Metapher zu sein für Dynamik,
für Last und Schwere, Metapher fürs Losgelöstsein. Das individuelle
Motiv verlor seine Bedeutsamkeit, die Botschaft lautete nicht
„sieh her!“, sondern „schaue!“.
Diese Beispiele künstlerischer Reaktionen auf das Oktogon
interpretieren auf vielfältige Weise das Konzept des Hauses:
Das Museum der Wahrnehmung ist als ein Ort der Verlangsamung,
der Achtsamkeit und des Innehaltens konzipiert: als „museum
in progress“ zugleich auch als Ort des künstlerischen Wagnisses
und Experiments, des öffentlichen Diskurses um die Themen
der Zeit.
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