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ZU SABINE RICHTERS FOTOGRAFISCHEN ARBEITEN

LAUDATIO FÜR WERNER WOLF

"...in vier Minuten zu lesen!"

INGE DICK: 35 Arbeiten aus dem MUWA in neuem Licht

KOREN-KULTURPREIS-VERLEIHUNG AN WERNER WOLF DURCH LH-STV Dr. KURT FLECKER

HERIBERT MICHL

Schluss der Ausstellung "Partituren der Stille", von Manfred Makra

Der Pioniersteg

ALBERTO GIACOMETTI bei YAMAUCHI TATSUO im MUWA

KANN MAN RIECHEN, DASS ES WÄRMER WIRD?

GESCHENK-TIPP: FLOATEN IM SAMADHI-BAD BIETET ENTSPANNUNG FÜR GEHIRN UND KÖRPER

ZWEIMAL DIE BESTEN!!



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ZU SABINE RICHTERS FOTOGRAFISCHEN ARBEITEN
Gehalten von Werner Wolf,
am 10. November 2006 in
Rehau, Haus Prof. Eugen Gomringer





Zu Sabine Richter


Das Zeitalter, in dem wir leben, wird als das technologische bezeichnet; besser vielleicht, als das Zeitalter des Lernens, die Epoche des Wissens, die Ära logischer Verknüpfungen, gedanklicher Parallelwelten. Die Unvollkommenheit der Benennung des Zeitalters als bloß technologisches ist so im Jahre 1982 der Redner Paul Lohse in einem Vortrag über "Kunst im technologischen Raum". Gleichbedeutend mit der Entstehung eines "neuen Bildes der Welt".

"Damit ident sind" so der Konstruktivist Lohse weiter "ein für diese Zeit charakteristisches Vokabular und ein Instrumentarium von Methoden, Systemen, Verhaltensweisen, ein Arsenal von Ausdrucksformen, die das Leben der Menschen bereits für eine Epoche geprägt haben und weiter prägen werden. Eine Realität mit unverwechselbaren Mitteln, mit einem neuen Raum-Zeit-Bewusstsein ist nur in dieser Epoche möglich. Eine Epoche, die wenig konkret ist und sehr gedanklich konzipiert.

Sie sind umgeben, meine sehr verehrten Damen und Herren, von modernen Architekturen, meist nebulos verwirrten und irrlichternden Verstrebungen von Bauten, die Sabine Richter mit einer ihrer Kameras abgebildet hat. Es sind die Stützen eines Hauses in Krakau, das es seit 60 Jahren nicht mehr gibt; es ist die namenlose Fensterfront eines Neubaus, das Innere eines Betondachs in Venedig und das äußere eines Haus in Trapani.

Es sind von Computern unbehandelte Fotographien, teils auf Film, teils auf digitalen Datenträgern festgehalten. Unbehandelt heißt hier, sie sind durch kein fotografisches Programm gelaufen. Das hätte auch wenig Sinn gehabt, ist doch das fotografische Verfahren, ein Bildverfahren wie die Malerei, wie die Grafik, die Bildhauerei ebenfalls, die in der Zeit der Computer gestützten Verfremdungskunst zu einem einfachen, und trügerisch fälschungsunsicheren Verfahren geworden ist.

"Vor allem in der Ähnlichkeit der Methoden, der Masswerte und Grundmuster, im Ablauf von zeitliches Arbeitsvorgängen wird die neue Signatur vom Heute erkennbar" sagt Richard Paul Lose weiter. Und "Jede Methode ist in der Zeit, in der sie entsteht, determiniert und drückt sich durch eine originale Struktur aus: Summe aus Sein, Bewusstsein und Aktion. Wir würden heute hinzufügen: und aus Zufall".

Ich habe Sabine Richter fast sieben Jahre begleitet, und weiß daher ein bisschen etwas von der Regelhaftigkeit des Zufalls und davon, das "..ein Würfel-Wurf niemals den Zufall abschaffen wird". Stephan Mallarmee hat diesen Satz 1987 geschrieben: "Un coup de des jamais ne abolira le hasard". "Ein Würfel-Wurf wird niemals den Zufall abschaffen."

Professor Eugen Gomringer hat vor anderthalb Jahren in Graz gemeint, dass sich eine gedankliche Zuordnung von Begriffen der exakten Naturwissenschaften zu bestimmten Künstlern herausgebildet habe, die zu so etwas wie Metaphern der Allgemeinheit wurden: Max Bill werde das Möbiusband zugerechnet, Victor Vasarely der Algorithmus, Karl Gerstner die Polychromie und die Fraktale, Hans Jörg Glattfelder die nicht-eukidische Metapher, Jo Niemeyer der Goldene Schnitt, Alfons Kunen die logharithmische Spirale und Hellmut Bruch die Fibonacci-Zahlenreihe.

Mit solchen Zuordungen werden Denkhilfen konstruktiver Konzepte zu bekannten Formen gezogen, die es auch dem Aussenstehenden erleichtern, Zugang zu finden und Konzepte nachzuvollziehen. Und Sabine Richter nachvollziehbares Konzept? Ist in ihren Fotoarbeiten so etwas wie ein gemeinsamer Zug enthalten?

Wir können uns diesem Fragenkomplex vielleicht etwas nähern, wenn wir die lästige Übung vergessen, das fotografische Abbild sei ein Abbild der Natur. Es spiegle sozusagen wider, was in der Natur so und nicht anders vorhanden ist.

So ist es vorhanden, und unendlich in seiner Vielfalt ist das Andere!

Wir haben uns angewöhnt, in zweifacher Hinsicht die Fotographie zu lesen: einerseits in einem höchstmöglichen Ausmaß von allgemeingültiger Fassung, von zweifelfreiem Zuschnitt und größtmöglicher Genauigkeit.

Und zweitens: in einer Vielfalt von Bedeutungen, charakteristischen Haltungen und zweifelhafter Eindeutigkeit.

"Es gelingt Sabine Richter" zu dem Schluss gelangt Mark Ries nach einer Reise durch Sabine Richters und seine eigene Befindlichkeit "in subtiler Weise eine unauflösbare Vibration zwischen aussen und innen, zwischen Gespiegeltem und Realem zu initiieren". In seiner ebenfalls in Graz gehaltenen Rede zu "insight out" ortet Mark Ries ein Spiel der Zeichen, das uns mit einer ungewöhnlichen Evidenz vertraut macht, der Evidenz der Uneindeutigkeit, der Unschärfe der Bedeutungen, die "allerdings" und so schließt Mark Ries, "sehr gut in unsere Zeit passe, bedenkt man den Bilderstreit, der sich zur Zeit überall dort entfacht, wo es um alte Wahrheiten statt um neue Freiheiten gehe".

Ich habe Sabine Richter einmal gefragt, ob sie nicht dem Zweifel zu erliegen drohe, als Bildhauerin bewaffnet mit Steinbohrern und einem ganzen Arsenal von Meisseln aus gehärtetem Stahl, sich letztlich ein so leichtes Medium wie das der Fotographie ausgesucht zu haben. Sie gestand ein, dass sie nach wie vor von der Schwere, dem Gewicht des Materials sehr abhängig sei, und dass es sie schmerze, dass um sie nicht der Stein absplittere, mit jedem Schlag ein paar Gramm Gestein von dem Alter eines Gebirgszuges.

Ist das nicht ähnlich, eines dem anderen? Die Masse des Gewichtes der Berge in ihrer Darstellung als Malerei, als Kreidefelsen, als Fotografie, als Druck?

Kommen wir wieder auf Richard Paul Lohse zurück. "Die Meinung" so sagte er es in seiner Rede zur Kunst im technologischen Raum "dass die sichtbare Realität das einzig mögliche Thema der Kunst sei, ist angesichts der Wirkungsweise des Instrumentariums dieser Epoche ein Anachronismus".

Diese Feststellungen wären unnötig, wenn es die progressiven politischen Kräfte nicht versäumt hätten, sich mit diesen fundamentalen Problemen der Gegenwart zu befassen, deren Ausklammerung mit eine Folge ihrer Isolierung ist.

"Beim Fotografieren ihrer Sujets interessiere sich Sabine Richter für die sich selbst erzeugende Form; eine Form, die ein mosaikartiges Konglomerat aus räumlichen Emotionen und Gefühlen eingeht". Dies sagt Adam Budak, der in Polen gebürtige Kurator einer Ausstellung und Autor eines Katalogtexte zu Sabine Richters Arbeit.

"Zu scheu um seine vollständige Gestalt auszudrücken, zu zart um seine geheimen Winkel preiszugeben, ist der Raum (und die Zeit...) von einem Netz unsichtbarer Gesten bedeckt und erscheint nur ganz unversehens und unerwartet, gleich einem unbemerkten und unschuldigen Gesichtsausdruck, der innere Wahrheiten und Sehnsüchte verrät." Und weiter heißt es bei Adam Budak: "Zwischen Instabilität und Gleichgewicht, friedlicher Stille und eruptiver Dynamik, erscheint das Architektonische als Fragment oder Spur, als ein Beweis für Solidität und als poetisches Element, das hinter verführerischen Krümmungen lauert, wo das Licht sich mit seiner wandelbaren Intensität verschwört."

Sabine Richter fetischisiere die Oberfläche, verwandele sie in eine Projektionsfläche der Erinnerung, auf der sich eine Spiegelung vollzieht und - verstärkt durch den ungewöhnlich großzügigen Blick der Künstlerin - eine neue Erzählung beginnt. Dies ist ein Spiegel der Gegenwart, der sublimierte Versuch, die Zeit einzufrieren und sie im Rahmen einer
fotografischen Wirklichkeit zu prägen.

Sabine Richters Arbeit ist voll von Oberflächenspannungen, wo alltägliche Strukturen vom Auge der Kamera kontrolliert und von einem Rahmen und dessen Strenge gegliedert werden. Auf diese Weise erlebt der Raum einen subtilen Prozess radikaler Subjektivierung und das Private trifft bei diesem Versuch eine Geschichte eines introspektiven Außen eines urbanen Sujets zu erzählen, gefangen zwischen dem Alltäglichen und dem Universellen, mit dem Intimen zusammen. Er bleibt jedoch seltsam still, wahrlich phänomenologisch und intuitiv, gezähmt aber mächtig, bruchstückhaft. aber unabhängig, und in seinem überwältigenden Lyrizismus äußerst ausdrucksstark.

Bei Sabine Richter ist es in der Tat die Kongruenz der Bildaktion, die Unmittelbarkeit und die Thematik, ein neuer Zeitbegriff, das Bild als Struktur und eine neue Dimension der Mittel . Parallelen zu den Formen und Wirkungen der Zeit, so wie sie Richard Paul Lohse es erkannte.

Bei Sabine Richter passiert aber mehr noch; sie zwingt Steinbalken zu unerwarteter schwebender Leichtigkeit, bei ihr scheinen beschattete Wände wie hauchzartes Papier zu immer neuen Faltungen bereit, immer zu neuen Architekturen ist ihre Kamera bereit: sie formt um, deutet senkrecht als waagrecht, fügt dem geschwungenen Boden im Bild eine abermalige Schwingung zu, macht so mehr, verdoppelt, zerstört, schöpft aus Vorhandenem neu, macht in der Vervielfältigung mehr aus dem Bestehenden, oder sie verzichtet auf die Vielfalt im Bild.

In das Werk der Künstlerin haben Einflüsse aus westlicher aber auch aus östlicher Kunst Einzug gehalten. Östliche Spiritualität verband sich bei Sabine Richter mit einem Leben in der westlichen Kultur. In der Überzeugung, dass es keinen Bruch gibt zwischen der Natur, der Kunst, der modernen Errungenschaften eines eigentlich von Software getragenen Lebens und dem Leben des Menschen, und dass die Bewegungen des eigenen Lebens sich in dem komplizierten Aufbau eines Blattes, eines Flügels, einer Flosse genauso spiegeln können, wie im in der Zeichnung eines alten Holzes, einer dreimal fotografierten Plakatwand, deckt Sabine Richter in ihren Bildern die den meisten Elementen des Lebens zugrundeliegenden Strukturen, Strömungen, flirrenden Muster und sich verändernden Ordnungen auf.

Wenn es um gedankliche Zuordnung von Begriffen des Alltäglichen geht, um einen Begriff, der aussagt, worum es bei Sabine Richters Bildverständnis, das aus dem Konstruktiven sich ableitet, geht, dann ist es die Aufhebung eines Begriffs, der sich von Mathematik oder Geometrie ableitet. Eine Leichtigkeit ist dem ebenso eigen, wie die Flüchtigkeit des Augenblicks. Vielleicht ist es das: "Der Zufall"?

Mallarmee Satz "Ein Würfelwurf wird niemals den Zufall abschaffen" hat den Künstler Daniel Spoerri lange beschäftigt: Das Beunruhigende dieses Satzes ist ja seine scheinbar absurde Aussage, dass ein Würfelwurf, der doch der Inbegriff des Zufalls ist, den Zufall nicht abschaffen wird. Aber genau das sagt er, diese geniale Satz, den Spoerri anlässlich seiner Ausstellung im Museum der Wahrnehmung ausgesprochen hat: "Das Immerwährende, das Absolute und Ewige ist der Zufall. Wir werden ihn nie ergründen. Wir werden ihn nie abschaffen. Nicht einmal zufällig. Niemals wird der Zufall den Zufall abschaffen".

Und Spoerri kommt zu einem weiteren Schluss: Dass der Zufall eigentlich das sicherste, das absolute Prinzip sei, dies sei von einhundert oder mehr Jahren eine geradezu revolutionäre prophetische Behauptung gewesen, da doch fast alles sicher und geordnet zu sein schien.

Aber gerade an diesem Punkt brach alles ein: Die Kaiserreiche, die Politik, das Weltbild. Einstein entdeckte die Relativität. Die Kunst reagierte als Seismograph. Dadaismus und Kubismus, die abstrakte Kunst bewiesen das buchstäblich aus den Fugen geratene Weltbild. Weltkriege ließen erst recht alles einstürzen und so stehen wir da, hoffen und wollen an einen Sinn glauben, - und können es nicht.

Es ist dieselbe Kraft, die uns am Leben belässt, die jeden Hund von sich selbst überzeugt sein und die jeden Baum wachsen lässt.

Jeder kämpft um mehr Licht, wie schon Goethe sagte. Vielleicht wollte er uns das noch zuletzt mitteilen. Der Sinn des Seins ist das Sein selbst und sonst gar nichts, wie Marlene Dietrich es sang und wie Sabine Richter es fotografiert.