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SCHÜLER VERSTEHEN DIE SPRACHE
WERNER WOLF im Gespräch mit JOSEF LINSCHINGER
W.W.: Ich begrüße Sie im Museum der Wahrnehmung und ich begrüße vor allem den Künstler Josef Linschinger sehr herzlich hier! Zu danken habe ich gleich am Beginn der Oberösterreichischen Landesregierung mit Herrn Landeshauptmann Pühringer. Die Oberösterreicher sind wir um eine Subvention angegangen. Zu danken habe ich der steirischen Kulturlandesrätin Vollath natürlich und den Vertretern der Stadt Graz und des Bundes. Weiters danke ich der Reimer-EDV. Mario Reimer, vielen Dank für deine Hilfe bei der EDV-Ausrüstung, die du zum Laufen gebracht hast. Er hat ein sehr schönes und sparsames Modell vorgeschlagen.
Zur Biographie von Josef Linschinger: Er wurde 1945 in Gmunden geboren, studierte an der Hochschule für Gestaltung in Linz, und kann auf eine lange Lehrtätigkeit an dieser Hochschule verweisen. Er arbeitete in der konkreten Kunst und der visuellen Poesie, er ist Professor und Träger zahlreicher Auszeichnungen, er ist Autor zahlreicher Bücher und Werke über diese Kunst des Konstruktiven und er ist dafür gebührt ihm der Dank zahlreicher Künstler und Schriftsteller der Gründer des Gmundener Symposions für die Konkrete Kunst.
Sein künstlerisches Konzept zeigt sich in der rigorosen Reduktion auf elementare Formen und Farben. Der große und dieser Tage verstorbene Altmeister der Konkreten Kunst in Österreich, der Innsbrucker Heinz Gappmayr schrieb über Josef Linschinger, ihm gehe es nicht um die formale Umsetzung oder Stilisierung von Gegenständen, sondern um die Realität und die Selbständigkeit der Fläche und des Bildraumes. Gappmayr sagt: Er bevorzugt diagonale Strukturen und die Verwendung von zwei oder höchstens drei zueinander stark kontrastierenden Farben. Und weiter urteilt Gappmayr: Die Texte Linschingers zeichnen sich aus durch geistvolle und höchst poetische Differenzierungen der Beziehungen zwischen Schriftbild und Begriff. Mir ist klar, die Ausstellung neuer Bilder und Stills ist faszinierend, bunt, vielseitig, bewegt und bewegend zugleich, sie ist aber auch schwierig, schwer lesbar, trotz oder wegen der Sprachlichkeit des Themas. Da sind wir bei einem Problem, das haben wir im Museum der Wahrnehmung sehr stark. Die Besucher sind oft Schüler und wir sind vielfach gezwungen, uns zu fragen, wie gehen wir mit den Schülern um. Und ich frage jetzt dich: Was sagen wir den Schülern, was sagen wir ihnen in deiner Ausstellung?
J.L.: Lieber Werner, darf ich zuerst meinen Dank an dich für die Einladung aussprechen. Ich möchte Ihnen danken, dass Sie gekommen sind. Ich bin zum wiederholten Male hier und das ist ein ganz besonderer Ort hier. In Österreich gibt es nicht viele, nicht einmal ein Handvoll solcher Institutionen, wo solche Kunst präsentiert wird. Das ist ein sehr großer Verdienst von dir und deiner Frauschaft - wenn ich so sagen darf. Und ich möchte noch eines sagen. Wir sitzen in der Ausstellung von Diet Sayler. Mit ihm habe ich nicht nichts zu tun, sondern 1986 haben wir schon zusammen in einer Gruppe ausgestellt und waren wiederholt mindestens 25 x, glaube ich, in einer gemeinsamen Ausstellung vertreten. Das jetzt zu dieser Situation.
W.W.: Diese Situation wird deutlich gekennzeichnet durch die Bände von Gmunden, also die Gmundner Konkrete Kunst zeigt sich in dieser Dokumentation.
J.L.: Zu deiner Frage, wie soll man das den Schülern oder den Frischlingen sozusagen näher bringen. Das frage ich mich auch immer wieder. Ich habe mich auch mein ganzes Schulleben lang gefragt, wie bringt man was näher und letztlich auch, wie geht man selber damit um, was hat man selber davon, was versteht man selbst von der eigenen Arbeit? Der Schwerpunkt in dieser Arbeit hier sind eigentlich diese drei Filme, die aneinander gekoppelt sind: Es ist der Film Begriffe, den Sie hier gerade sich reduzieren sehen, der Film Farbe und der Film Text - Bild. Das wäre die Frage, wie soll man das vermitteln? Ausgehend von einem einfachen Quadratraster, in welchem Buchstaben dafür extra konstruiert wurden. Jeder Schüler macht das, die 26 Buchstaben über einen Raster zu zeichnen und das wurde hier ganz einfach angewandt. Ganz geometrische Sachen wir sehen es gleich hier, nämlich ein Quadrat.
W.W.: Ich frage mich vor allem etwas. Ich habe ja lange gerätselt, was mich an dem so fasziniert und dann kommt dazu, dass das eigentlich für einen Normalbürger nicht nachvollziehbar ist. Visuell kann man es zwar nachvollziehen, aber man kann es nicht nachmachen. Man kann sich normalerweise kein Tablett schaffen, um solche Bilder wie dieses hier zu sehen. Ich kann mir vorstellen, dass es in der Schule interessant ist, zu sagen, wie das gemacht ist.
J.L.: Das ist relativ einfach. Die Striche werden verdickt. Hier in diesem Video werden die Striche nicht in ihrer Länge verändert, sondern einfach ausgedehnt hier in dem Fall über die Bildfläche hinaus.
W.W.: Wird das mit einem Programm gemacht? J.L.: Das wird mit dem einfachen Zeichenprogramm Apple Macromedia FreeHand Programm gemacht. Das gibt es noch, aber es wird eingestellt. Das ist relativ einfach zu machen und die Animation habe ich mir von einem Medientechniker machen lassen, das ist mir zu schwer. Es geht einfach um Striche verdicken, die sich dann auch überlagern. Da kommen dann solche Formen zustande. Hier sehen wir so eine Verdickung, die sich zusammenzieht.
W.W.: Na ja, so einfach ist das ja nicht, weil du beziehst dich ja auch auf den Kreis und das Viereck zum Beispiel, das merkt man nicht so. Bei dieser Schrift ist es doch so, dass sie sich in ihrem Aufbau auf den Kreis und das Viereck bezieht, also auf konstruktive Elemente.
J.L.: Eigentlich sind es Konstruktionen. Wenn man die Buchstaben so aneinander klebt ohne Spazionierung, ist es eigentlich keine Schrift. Es sind Konstruktionen, die aber auch einen Sinn haben können wie eben dieses Wort Raum. Die Buchstaben kleben aneinander, wie Sie hier sehen. Das ist nicht wirklich ästhetisch, sondern einfach konstruiert, und das immer irgendwie so im Zwischenbereich zwischen der Schrift und der Konstruktion.
W.W.: Warum sind sie nicht ästhetisch?
J.L.: Na ja, vom Schriftbild her. Der Kalligraph sagt, das ist ein Dilettant, der so eine Schrift macht.
W.W.: Wer hat sie gemacht?
J.L.: Ich habe sie gemacht.
W.W.: Also dilettantisch?
J.L.: Ja, schon. Als Kalligraph hier beweise ich das.
W.W.: Obwohl der Versuch, Kunstobjekte mittels mathematisch fundierter Konstruktionen zu erstellen, nicht neu ist (vgl. Goldener Schnitt), wird der Terminus Konstruktivismus im Allgemeinen in der modernen Kunst gebraucht, zumeist in Verbindung mit geometrischen Abstraktionen und technoiden Gestaltungsformen. Neu ist die Verwendung des gar nicht mehr so neuen Mediums Video für die Darstellung eines bisher verborgenen Inhalts, der Bewegung: Kannst du uns erklären, was beispielsweise mit der Schrift passiert, wenn sie sich so wie jetzt bewegt?
J.L.: Es kommt die dritte Dimension dazu, sie geht in die Fläche. Der Strich oder auch der Punkt haben natürlich auch eine gewisse Fläche, da kommt man nicht umhin, aber bei dieser Ausdehnung wird die Schrift dann zur Fläche. Es überlagern sich diese breiten Striche und Flächen, die dann entstehen zu einer Fläche, die dann den Bildschirm füllt. Natürlich kommt auch die Zeit dazu, diese vierte Dimension, die das dann entstehen lässt. Da könnte man vielleicht auch philosophische Momente darin sehen, wenn sich das Wort Zeit in der Fläche, aber auch im Raum dann in die Endlosigkeit bewegt.
W.W.: Das beginnt ja recht konkret mit dem lesbaren Schriftbild und beginnt dann in Bewegung zu geraten und irgendwo verliert sich dann der ursprüngliche Charakter dieser Schrift und es ist dann ein Gegenstand. Was ist das für ein Gegenstand? Ist das ein neuer Gegenstand? Ist es eine Erfindung? J.L.: Das ist ein neuer Bildgegenstand, könnte man sagen, der vorher noch nicht da war.
W.W.: Der hier zum Beispiel?
J.L.: Ja, man könnte hier ein Still daraus machen und wir haben ein Bild. In der konkreten Kunst ist es ja so, dass man mit den ureigensten Mitteln Punkt, Linie, Fläche arbeitet und sich auf sich selbst konzentriert. Wenn wir jetzt aber etwas Inhaltliches hinein packen, wie z. B. diese Fläche hier, die aus dem Wort Text entsteht, bewegen wir uns eigentlich von der konkreten Kunst etwas weg. Mir dient eigentlich diese Arbeit, die zuerst im Graphischen, in einzelnen Bildsequenzen, in statischen Graphiken, entstanden ist, zur Bildfindung. Im Zeichenprogramm kann man einfach die Striche beliebig vergrößern und auch die Strichlängen. Auch bei den Winkeln gibt es Möglichkeiten, etwas zu verändern. Also von den ureigensten Mitteln bewegt man sich jetzt etwas weg, wenn man darin auch einen Inhalt hat. Aber wenn Sie als konkreter Künstler eine grüne Fläche zur Präsentation anbieten, also wenn dort ein grünes Bild hängt unstrukturiert oder strukturiert, aber ohne Gegenstand, ohne Darstellung darauf dann wird man vielleicht Wiese oder Wald assoziieren.
W.W.: Da sagt ja Diet Sayler auch, dass Emotionalität ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist.
J.L.: Ja, man assoziiert einfach, ob man will oder nicht. So kommt man etwas weg von dieser Konkretion, die eigentlich ursprünglich alles Assoziative ausgeschlossen hat.
W.W.: Ich möchte auf den Begriff des Erfindens zurück kommen. Ist das nicht ein Aspekt dieser deiner Arbeit, dass im Fortschreiten dieses Bildprogramms tatsächlich Dinge erfunden werden? Sie werden nicht gefunden, sie werden nicht interpretiert, sondern es sind tatsächlich neue Dinge. J.L.: Es ist eine neue Möglichkeit zur Bildfindung, würde ich sagen. Was ist wichtig für die Kunst, die heute gemacht wird? Dass sie innovativ ist, würde ich sagen, dass sie noch nicht Dagewesenes bringt oder etwas Dagewesenes so verändert, dass es auch etwas Neues zu entdecken gibt. Und so könnte man sagen, dass diese Animation eine Erfindung ist. Das könnte man sagen zur Generation von neuen Bildern.
W.W.: Das ist ja etwas, was man den Schülern tatsächlich mitteilen kann.
J.L.: Ja, für mich ist in der Kunst an sich wie in der Wissenschaft die Erfindung und die Entdeckung ganz wichtig. Jetzt könnte man sich fragen, was ist Erfindung, was ist Entdeckung? Dieses Generieren dieser Bilder könnte man als Erfindung bezeichnen. Entdecken könnte man, dass man aus schon Vorhandenem etwas Neues generiert. Das müsste man am Beispiel sichtbar machen.
W.W.: In unserem Sprachgebrauch existieren technische oder technologische Begriffe wie Richtung, Bewegung, Stärke, Geschwindigkeit- um einige Beispiele zu benennen, und eher philosophische Begriffe wie Färbung, Charakteristik und Intensität. Wie ist deine Verwendung von Begriffen, wie sind sie gereiht philosophisch und technoid in der Sprache?
J.L.: Ich habe mich ursprünglich mit philosophischen Aspekten beschäftigt, bin aber eigentlich weit abgerückt. Ich bin mit dem, was sich unmittelbar zeigen und machen lässt - technoid hast du den zweiten Begriff genannt - eigentlich ganz zufrieden. Wenn der Betrachter philosophische Erkenntnisse daraus gewinnt, ist es natürlich eine tolle Sache und freut mich dann auch. Aber wir haben ja alle ein philosophisches Problem mit der Zeit, wir haben das ja schon angesprochen, was eigentlich einfach immanent ist.
W.W.: Um zur Farbe zu kommen: Du verwendest ja diese Farben ja mehrmals und zwar kontrastierend. Was sind diese Kontraste in den Farben, sind es komplementäre Kontraste, ist es eine additive oder subtraktive Mischung? Was macht sie so phantastisch in der Wirkung?
J.L.: Das Phantastische liegt in der Natur der Farbe, würde ich sagen. Es handelt sich hier um additive und subtraktive Farbmischungen. Additiv sind Lichtfarben wie Violett, Orange, Rot und Grün, die das Bild am Bildschirm erzeugen. Subtraktive Farbmischungen sind Magenta, Cyan und Yellow. Diese zwei Farbmischungen werden hier demonstriert und ergeben auch diese Mischung.
Eva Fürstner: Wie geschah die Auswahl der Bilder?
J.L.: Es sind hier ja nicht alle Bilder ausgestellt. Es geht um die Strichstärken 33 %, 66 %, 99 % und 1 ist immer die ursprüngliche Linie, also die Strichstärke 1 wird verdickt auf 33, 66, 99 und der nächste Begriff beginnt wieder mit 1 usw. Aber es gibt auch Strichstärken von 1, 45 und 99.
E.F.: Also ein präzises System?
J.L.: Ja, das ist nicht zufällig. Ich möchte gern auf den Film Text Bild eingehen. Man sieht hier, dass die Farbe über den Bildschirm sozusagen hinausgeht und bei dem anderen Film innerhalb des Rasters bleibt und sich dann in der Überlagerung mischt. Ich habe für Text Rot und für Bild Blau gewählt. Marshall McLuhan hat 1964 ein wichtiges Buch geschrieben: Understanding Media. Das war eines der ersten Medienbücher, glaube ich. Er hat damals gesagt, dass es heiße und coole Medien gibt. Ein Text ist zum Beispiel ein heißes Medium, deshalb auch die heiße Farbe und das Bild ist eher ein cooles Medium. In einem Text eines Buches, das demnächst erscheinen soll, schreibt Sandra Krämer, dass es keine strikten Trennungen zwischen heißen und kalten Medien gibt, sondern gemischte Sachen.
E.F.: Wäre eine Übersetzung, z. B. ins Japanische, dieser drei Filme vorstellbar?
J.L.: Sicher ist es vorstellbar. Natürlich haben die Japaner verschiedene Schriften, die von den Chinesen übernommenen Kanji-Schriftzeichen, die Hiragana-Silbenschrift und die Katakana-Silbenschrift. Mit Kanji ist es sicher schwierig, aber man könnte zweifellos auch solche Überblendungen machen. Ich könnte es mir aber besser vorstellen mit der Katakana-Silbenschrift. Ich habe bereits bei diesen Bildern, die ich oben ausgestellt habe, die Katakana-Vokale zum Einsatz gebracht und überlagert. Da gibt es auch diese Mischungen mit den andersfarbigen Vokalen, z. B. hier mit den lateinischen Vokalen und hier mit den Code-Vokalen. Ich habe natürlich auch darüber nachgedacht, aber die Zeit reicht halt nicht für alle Lösungen.
Besucher: Es fällt mir auf, dass Sie die Buchstaben in unterschiedlichen Spazien angeordnet haben. Manchmal wachsen sie zusammen, haben sie einen Abstand. Jetzt nehme ich an, dass Sie das auf das Ergebnis hin angeordnet haben, d.h. Sie haben das nicht dem Zufall überlassen, weil Sie hätten die Buchstaben ja quasi gleich zusammen wachsen lassen können, da haben Sie offensichtlich eingegriffen, wenn da schon die Frage nach dem Kunstwerk aufkommt. Da waren Sie also offensichtlich kreativ, das ist Ihre Entscheidung, wie groß die Abstände sind, weil sie verschiedene Ergebnisse zeigen. Die andere Frage ist, warum haben die Buchstaben in diesem Programm unterschiedliche Höhenausdehnungen? Ein I dehnt sich nie nach oben aus, während ein E, das ja auch neben waagrechten, einen senkrechten Strich hat, das dehnt sich aus. Das muss ja ein Spezifikum des Programms sein oder ist es Ihre Absicht?
J.L.: Das ist meine Absicht. Ich wiederhole es nochmals. Die Spazionierung ist vernachlässigt, jeder Buchstabe hat gleich viel Platz und steht in einem Quadrat. Die Buchstaben dehnen sich nur in ihrer Strichstärke aus. Es gibt eine zweite Version, in der auch die Strichlängen erweitert werden, das sehen wir in den Stills. Das ist einfach eine Festlegung in demselben Programm. Ein Kalligraph, der die Spazionierung ganz genau auswiegt, einen bauchigen Buchstaben anders zum nächsten geraden Buchstaben ansetzt, ponderiert das alles genau fein aus, aber hier ist das total vernachlässigt.
Gast: Sie überlassen es also dem Zufall sozusagen, wie der Buchstabe das Quadrat ausfüllt und Sie greifen nicht ein in das Ergebnis? Es sind ja sehr schöne Flächen, die hier entstehen.
J.L.: Ja, es ist reine Konstruktion.
Gast: Haben Sie das in anderen Sprachen auch schon gemacht?
J.L.: Diese Worte noch nicht. Ich habe mich mit den Vokalen und deren Überlagerung auseinander gesetzt. Ich werde kurz darauf eingehen. Ich habe die Vokale des lateinischen Alphabets, des japanischen Katakana-Silbenalphabets und des Barcodes übereinander gelegt, in diesen beiden Bildern. Diese drei Alphabete sind in Abständen von Jahrtausenden erschaffen worden, der Barcode beispielsweise 1949 zur Registrierung amerikanischer Militäreinrichtungen. Das ist dann zu uns herüber geschwappt und wir kommen heute um den Barcode nicht mehr umhin. Bei diesen Arbeiten habe ich den Vokalen ihre Farbe zugeordnet: dem hellsten Laut die hellste Farbe, das Gelb, das ist das I, dem dunkelsten oder tiefsten Ton, dem U, die Farbe Blau, also die dunkelste Farbe. Und da ergibt sich dann das O aus der Mischung des Grün, das sich klanglich dazwischen befindet und auf der anderen Seite des Spektrums befindet sich das A und das ist Rot. Und die Mischung aus dem hellsten und dem Rot ergibt das E und das ist Orange. Als ich diese Entdeckung gemacht habe, war ich schon sehr verwundert, denn ursprünglich habe ich mich gefragt, warum sagt man AEIOU? Ich habe die Lösung gefunden, so liegt es im Alphabet drin. Als ich dann die Farbzuordnung machte, war ich ganz erstaunt, dass das genau das Farbspektrum wie im Sonnenlicht ist, die Farbanordnung des Regenbogens. Das war ein schönes Erlebnis für mich. Und in diesem Übereinander gibt es die Zwieformen zwischen zwei Vokalen unterschiedlicher Sprachen, die Zwiefarben, also die Mischung jeweils, und die Zwielaute, die wir klanglich ja sowieso kennen. Soweit ein kleiner Exkurs.
W.W.: Bist du eigentlich Künstler oder Techniker?
J.L.: Ich würde mich schon ganz gern als Künstler sehen.
Gast: Eine kurze Frage: Ich habe in Ihrer Biographie gelesen, dass Sie sich mit Texten von Thomas Bernhard beschäftigt und diese umgesetzt haben. Wie kann man sich diese Umsetzung vorstellen? J.L.: Schade, dass Sie ein paar Jahre zu spät kommen. Vor ca. 5 Jahren habe ich die Arbeiten zu Thomas Bernhard gezeigt. Ich habe alle Titel von Bernhard, die bis zu einem gewissen Zeitpunkt erschienen sind, in Barcodes umgesetzt. Es waren 58 Titel, die hier an der Wand hingen und die Vokale wurden dementsprechend eingefärbt. Es müsste noch ein Katalog hier sein. Es war eine Ausstellung anlässlich seines Geburtstages, den er in diesem Jahr gehabt hätte und da habe ich diesen Zyklus hier gezeigt. Bernhard ist 1989 verstorben.
Heribert Michl: Ich möchte noch etwas sagen. Zu Beginn haben Sie gesagt, aber vielleicht habe ich Sie falsch verstanden, dass ein wesentliches Merkmal von Kunst ist, dass sie etwas Neues erfindet. Habe ich das das richtig verstanden?
J.L.: Ja, der Meinung bin ich.
Heribert Michl: Da muss ich sagen, dass Ihre Bildflächen keine Erfindungen sind oder nur eingeschränkt, weil das ein Techniker, ein Software-Entwickler gemacht hat. Ich habe Probleme mit der Feststellung, mit der Aussage, dass ein Künstler, eine Künstlerin immer darauf aus sei, etwas Neues zu erfinden. Es wird ohnedies immer etwas Neues, aber von der Zielsetzung her, dass es unbedingt etwas Neues sein muss, etwas groß Aufgemachtes, das wäre natürlich der Mainstream derzeit, nämlich möglichst bunt, möglichst laut. Vielleicht sehe ich das übertrieben, aber ich habe Probleme mit dieser Position, mit diesem Standpunkt Ich muss immer etwas Neues machen. Kann ich das überhaupt?
J.L.: Die Schritte der Veränderung sind vielleicht marginal, aber etwas Innovatives muss dabei sein. Ich komme vom Traunsee und mir gegenüber steht so ein Kegelstumpf, das ist der Traunstein. Es geht nicht darum, den Traunstein zum hundertsten Mal neu zu malen, das hat Jakob von Alt schon sehr schön gemacht. Es geht darum, ihn vielleicht neu darzustellen. Auch da könnte man weiterarbeiten, aber es muss etwas Neues hinzugefügt werden. Das ist natürlich nicht so ganz einfach. Mit solchen Fragen habe ich schon gerechnet, nur bin ich nicht so ganz darauf vorbereitet. Wir haben am Dienstag eine Ausstellung in Bratislava eröffnet und da hat mir eine Kunsthistorikerin gesagt, dass es an der Wiener Angewandten eine neue Stelle geben wird, die sich mit Kunstforschung auseinander setzen wird. Das hat mich sehr überrascht. Es war von mir ja so eine Idee, dass man ähnlich wie in der Wissenschaft und Forschung - neue Ergebnisse, anders ausgedrückt Entdeckungen und Erfindungen, bringt.
W.W.: Die Bereiche Kunst und Technik sind ja gar nicht so weit voneinander entfernt, auch wenn unsere Geschichte diese eine Zeitlang in Kontradiktion gebracht hat. Man sieht ja, dass die Mode innerhalb der letzten 10 Jahre ganz deutlich ihre Bedeutung in der bildenden Kunst gefunden hat, die Kunst beschäftigt sich jetzt auch mit Essen. Das kann man sehen oder einordnen, wie man will, also die Grenzen sind spielend, spielerisch und nicht fest.
Heribert Michl: Da kommen wir natürlich immer wieder zur ewigen Frage Was ist Kunst? Mich würde interessieren, wie Sie den Begriff Konkrete Kunst definieren?
Besucher: Ist das etwa verboten? Das Wort Kunst zu verwenden? Ist da ein imaginäres Verbot darum herum?
Heribert Michl: Ich weiß nicht, vielleicht.
W.W.: Bei manchen ist es vielleicht ein Verbot.
Besucher: Das ist ja geradezu die Aufforderung, die von unseren Sinnen erfasste und verarbeitete Beziehung, Arbeit und Sprache, zu verlassen und neue Interpretationen zu finden. Wenn wir die neuen bildgebenden Methoden nehmen, diese waren in meiner Physik-Studentenzeit Theorie. Die neuen bildgebenden Methoden bei uns am Landeskrankenhaus werden angewandt. Wenn man das in einem erweiterten Sinn sowie Sie das auch tun zur Stellung von Kunst verwendet, dann müssen wir uns öffnen dafür, was auch mir manchmal schwer fällt, aber es bleibt mir nichts anderes übrig, denn sonst komme ich mit der Zeit nicht mit. Und das möchte ich ja.
W.W.: Ich glaube, das ist wichtig, was Sie gesagt haben.
Heribert Michl: Das ist aber nicht die Frage. Ich glaube schon und darüber dürfte schon ein Konsens bestehen, dass Freiheit ein essentieller Bestandteil jeder künstlerischen Produktion ist, aber nicht nur der Produktion und des Künstlers/der Künstlerin sondern auch des Betrachters. Ich muss die Freiheit haben, mir meine Meinung zu bilden und dazu Stellung zu nehmen. Ich glaube, das steht außer Zweifel, trotzdem besteht aber die Frage: Was ist eigentlich Kunst?
W.W.: Aber das werden wir nicht lösen!
Heribert Michl: Nein, aber wir sollten es immer wieder hinterfragen, dazu sind wir ja da.
Besucher: Also wenn die Gesellschaft ja dazu sagt, ist das Gesehene Kunst.
J.L.: Die Gesellschaft hat ja gewisse Mechanismen. Da gibt es Funktionen, die sagen, was Kunst ist. Da gibt es Museumsdirektoren, es gibt Galeristen, es gibt Kunsthistoriker, die die Kunst als Ganzes sehen, nicht wie wir, vielleicht selbst sogar der Künstler, ausschnitthaft, mit Scheuklappen vielleicht, der die aktuelle Kunst beurteilt und ihr einen Stellenwert gibt. Es gibt ja sehr viele verschiedene Kunst, vom Hobbykünstler bis herauf zum Peter Kogler, der mir heute am Bahnhof in seiner Ausgestaltung begegnet ist. Es gibt ja eine ganze Bandbreite unterschiedlichster Ausformungen heute. Früher gab es beispielsweise einen Fürst, der sagte zum Künstler: Bitte mach mir das! Sowie vielleicht heute Museumsdirektoren sagen: Das ist mein Künstler, den stelle ich aus!
W.W.: Danke!
J.L.: Ich danke Ihnen auch!
(WERNER WOLF im Gespräch mit JOSEF LINSCHINGER anlässlich dessen Ausstellungseröffnung TEXT BILD im Museum der Wahrnehmung MUWA am 4. Juni 2010)
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