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LAUDATIO FÜR WERNER WOLF
VON SPIEGEL-BILDERN UND VOM FAHREN IM ZUG


Rede von Univ.Prof Marc Ries anlässlich der Überreichung des Hanns Koren Landeskulturpreises 2008 an Werner Wolf durch Landeshauptmannstellvertreter Dr. Kurt Flecker am 25.März 2009 im weißen Saal der Grazer Burg.






Die Person Werner Wolf an dieser Stelle lobredend vorzustellen, ihre Leistungen zu feiern, dürfte scheitern. Denn die persona, also all das, was die Gesellschaft an Zuschreibungen praktiziert, um ein Individuum innerhalb der staatlichen, der rechtlichen und sozialen Ordnungen zu situieren: der Staatsbürger und seine politischen Freiheiten wie Pflichten, das arbeitende Subjekt und sein ökonomischer Wert, der Konsumenten-Akteur und sein Persönlichkeitsprofil, all diese universellen Personalien bleiben eigentümlich sperrig im Fall Werner Wolfs.

Ja natürlich, da gibt es den politischen Redakteur einer Tageszeitung, der seine "journalistische Tätigkeit mit einer systemkritischen Motorradfahrt durch das Redaktionsgebäude beendet". Ja natürlich, da gibt es den engagierten Lehrer, der eine Alternativschule mitbegründet und Lehrpläne für den Medienunterricht verfasst, der Gastprofessuren innehat, Bundesvorsitzender der IG Kultur wird und Kurator zahlreicher Symposien in der Steiermark und in Oberösterreich ist. Ja natürlich, da ist vor allem der Initiator und bis heute erfolgreiche Manager eines "anderen" Museums, eine Institution, die vielfach Anerkennung bekommt und sich durch eine kluge Symbiose von Experiment und Wissen die Aufmerksamkeit vieler sichert. Ja natürlich, da gibt es den Akteur Werner Wolf im Grazer Kulturleben, an dessen "Persönlichkeit" viele gerne teilhaben.

Doch all diese "natürlichen" Leistungen oder Verdienste bloß aufzuzählen, dürfte einen wesentlichen Punkt übersehen. Die öffentliche Person Werner Wolfs gibt es nur, weil es da jemanden gibt, der sich immer schon sehr "unnatürlich" dagegen entscheidet, gegen die Gesellschaft als reale Macht, gegen die allzu unbeweglichen und undurchschaubaren Institutionen, der rebelliert gegen die allzu schnellen Gewissheiten und Halbwahrheiten, gegen die Verurteilungen von dem, was man nicht versteht, gegen die schnellen Dummheiten im Alltag.

Es gibt möglicherweise einen "Bruder im Geiste" Werner Wolfs, dem Hannah Arendt in ihrer Arbeit zur "Human Condition" eine lobende Stelle reserviert hat: Jean-Jacques Rousseau. Auch Rousseau rebellierte unentwegt gegen die Zugriffe der Gesellschaft auf das "Intime", das "Gefühl", das "Herz". Jedoch, so Arendt, ist es im Falle Rosseaus fast so, "als rebelliere - nicht Rousseau gegen die Gesellschaft, sondern - Jean-Jacques gegen einen Mann, den die Gesellschaft Rousseau nennt. In dieser Rebellion des Herzens gegen die eigene gesellschaftliche Existenz wurde das moderne Individuum geboren mit seinen dauernd wechselnden Stimmungen und Launen, in der radikalen Subjektivität seines Gefühlslebens, verstrickt in endlose innere Konfliktsituationen, die alle aus der doppelten Unfähigkeit stammen, sich in der Gesellschaft zu Hause zu fühlen und außerhalb der Gesellschaft zu leben."

Damit verfüge ich nun über einige Figuren, mit denen ich jene Kräfte, jene menschlichen Kräfte skizzieren will, die mit Werner, den die Gesellschaft Wolf nennt, zu vielen Zeiten und an vielen Orten bereits am Werk waren. Beginnen möchte ich mit der "radikalen Subjektivität" dessen, was vielleicht der Kern aller Arbeiten von Werner Wolf ist, die Wahrnehmung, unser "Wahrnehmungsleben".

Die radikale Subjektivität der Wahrnehmung lernte ich zum ersten Mal kennen als Praktikant - damals nannte sich das noch etwas eleganter "Akademikertraining" - an der Modellschule Graz 1987. Ich hatte gerade mein Diplomstudium mit einem spekulativem Text zum Verhältnis von Zeit und Bild abgeschlossen und musste nun lernen nicht nur umzudenken sondern auch vollkommen verkehrt herum zu denken und vor allem gegen den Strich wahrzunehmen, nicht von mir in eine sinnliche Vielfalt von Welt hinein zu schauen, sondern von dieser Vielfalt zurück in mich hinein meine eigene Wahrnehmung zu lenken. Denn Werner Wolfs medienpädagogische Programme waren zunächst nicht auf Apparate, Monitore oder andere Bildermaschinen im Außen hin entworfen, sondern auf das, was sich innerhalb der Wahrnehmung der Betrachter, der Zuschauer, besser noch der Handelnden selbst tut. Denn, so auch der Titel seines Buches von 1989, Die Medien, das sind wir selbst! Wahrnehmen, so Werner Wolf, bedeutet nicht das Erkennen der Eigenschaften von Dingen oder Vorgängen, sondern das Erkennen der Wirkungen, welche die Dinge oder Vorgänge aufgrund ihrer Eigenschaften in uns auslösen.

Ich möchte zu ihrem besseren Verständnis dieses außerordentlich innovativen und nach wie vor aktuellen Programms ein sehr vertrauten Fallbeispiel noch einmal kurz zitieren, das Spiegelbild. Ich werde jedoch zu Beginn die Frage etwas anders stellen, ich werde nicht fragen, warum die Spiegel links und rechts vertauschen, sondern was passieren würde, wenn sie dies nicht tun. Wenn sich also die gehobene rechte Hand tatsächlich als rechte Hand des Spiegelkörpers zeigen würde. Nun, dann würden wir erschrecken und sicherlich den Spiegel nicht mehr für einen Spiegel halten, obwohl er dann genau das tun würde, wofür wir ihn eigentlich stets halten, nämlich uns zu "spiegeln", also ein völlig identes Bild, eine makellose Repräsentation unserer selbst herzustellen. Dass er genau dies nicht tut, gibt mehr Aufschluss über uns selber, als über das Medium. Scheinbar wollen wir ja tagtäglich in eine paradoxe Wahrnehmung, eine paradoxe Beziehung zu uns selber mit Hilfe unseres Spiegelbildes treten. Wir akzeptieren eine Wahrnehmungstäuschung als unseren Wunsch, den realen Körper vor dem Spiegel im Spiegel - symmetrisch - fortgesetzt zu sehen.

Wir treten vor einen Spiegel und erwarten, dass wir uns im Spiegel so fortsetzen, wie Alice seinerzeit in den Spiegel selbst hineingetreten ist. Wir wundern uns also niemals über die scheinbare Seitenverkehrtheit unseres Spiegelbildes, weil wir im Anschauen unseres Spiegelbildes die Hinterseite unserer Vorderseite sehen wollen. Wir erzeugen eine Beziehung von uns zum Spiegel, so als ob wir selber bereits im Spiegel wären, Teil des Spiegels sind. Wir akzeptieren uns als Identität von Gegensätzen, von Hinten und Vorne, von Konvex und Konkav. Das Spiegelbild tritt uns nicht gegenüber wie z.B. eine Fotografie, sondern ist eine Art Verlängerung, Erweiterung von uns selber.

Anders die Fotografie, die wird ja nicht von uns selber, sondern von einem Dritten machen lassen, und dieser fotografiert nun das, was tatsächlich passiert und wir werden auf der Fotografie jemanden sehen, der seine rechte Hand hebt. Wenn wir vom Spiegel wegtreten, wird es kein Spiegelbild mehr von uns geben. Aus einer Fotografie können wir uns nicht mehr wegbewegen. Die Paradoxie ist also gewollt, wir wollen getäuscht werden, weil wir uns als zugleich hier vorne und dort hinten - im Spiegel - begehren. Nicht als fremdes, objektives Bild, sondern als unser eigenes, unser selbst erzeugtes! Der Spiegel ist also nichts anderes, als ein Teil unserer Weltkonstruktion, wir selber sind das Medium, das sich in Bildern, in Spiegelbildern hinein produziert, das sich als ein Bild entwirft. Wir sind im Spiegel, sind also das Medium selbst.

Diese Erfahrung und Erkenntnis sind substantiell, da sie den Blick wegziehen von der über Medientechniken fremdbewegten Konsumentenfigur hin zum selbstbewegten Produzenten und Akteur der eigenen Weltbilder.

1990 gründet Werner Wolf das Museum der Wahrnehmung, zunächst als nomadisches "Container-Dorf" und im Gefolge eines Projektes im Steirischen Herbst mit dem schönen Titel: "wahr ist viel mehr", entsteht ein fulminanter Text-Katalog mit Autoren wie Rudolf Arnheim, Hilarion Petzold, Gerhard Portele, Walter Seitter. Hier manifestiert sich, dass Werner Wolff selber eine integrative Figur ist und scheinbar mühelos unterschiedlichste Denker, Wissenschaftler und Künstler vereinen kann, sie überzeugen kann, sich der von ihm hergestellten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Beim Betreten der Container wurde schnell klar, dass hier der ganze Raum als Installation, als Medium funktioniert, ja dass unter Mitarbeit von Manfred Husty die Geometrie "verrückt" spielt und die Künstlichkeit, die von Menschen gemachte Bildwirklichkeit alles Natürliche in Frage stellt und von allen Besuchern des Museums fordert, sich als Teil, als aktives, partizipatives Element dieser paradoxen Wirklichkeit zu begreifen. 1996 zieht das MUWA in das ehemalige Städtische Volksbad, das Tröpferlbad um. Und beinahe scheint es, als ob der oktogonale Bau, seine Proportionen, die den Besucher immer weiter in seine Rundung ziehen, "stets wiederkehrend zum Ausgangspunkt", stets neue Positionen und Perspektiven anbietend, seine dem Zentrum der Stadt abgewendete, gegen Süden, "ins einfache Volk" hin gelenkte "politische" Öffnung, dass also die ungewöhnliche Architektur ihrem Hausherrn ermöglicht, die "Beziehungs-" und die "Inhaltsebene" per se dem Eintretenden anzubieten, dass also alles, was im Haus passiert eine wunderbare Entsprechung und Verstärkung von der Bauordnung selber erfährt.

Hier, an diesem besonderen Ort, wird Werner Wolf in Zusammenarbeit mit Künstlern und Wissenschaftlern Wahrnehmungsmaschinen enwerfen, Installationen bauen, die bis zu 10.000 Besuchern im Jahr anziehen und die mit dazu beitragen, dass ihm 2001 das Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark verliehen wurde.

Und hier beginnt Werner Wolf nun auch gezielt Ausstellungen zu kuratieren, deren Fokus man vordergründig als "nicht-figurative", abstrakte Kunst festlegen kann. Vordergründig deswegen, weil damit gleichermaßen ein Vorurteil und Missverständnis einhergeht, diese Kunst nicht verstehen zu können oder zu wollen. Damit wäre dann aber auch bereits das tatsächliche Motiv genannt, gerade eine solche Kunst, solche Künstler wie etwa Tony Cragg, Tom Ulrichs, Rita Ernst, Joseph Schulz, István Haász oder Yamauchi Tatsuo auszustellen.

Sie alle arbeiten an einem Modell von Kunst, das den Betrachter als Akteur einbezieht, das keine Vorschrift, kein Gebot der Interpretation erlässt, sondern eher ein Angebot formuliert, das jeweilige Werk im Horizont der eigenen Deutungen wahrzunehmen, sich auf das Werk im Sinne eines "radikal subjektiven" Maßnehmens einzulassen. Diese Kunst, so Werner Wolf selbt, enttrivialisiert das Leben.

Die "integrative Medienpädagogik", die Werner Wolf seit den achtziger Jahren vertritt, macht die Integration oder Einheit von Natur und Geist, von Körper und Denken, von Aussen und Innen, also auch von Gesellschaft und Individuum, von System und Subjekt produktiv. Damit schliesst Wolf an die erste Bildungsidee der Antike an, die um den Begriff der periagógé kreist, also die Umwendung, die Umlenkung der Seele, eine Änderung der Blickrichtung meint, die den Menschen hilft, sich von ihren liebgewordenen, zugleich sie einengenden Vorstellungen zu befreien. Nicht jedoch sollen wie bei Platon die Illusionen, die Täuschungen als Trugbilder zerstört werden, vielmehr wird die Einsicht gestärkt, dass die Täuschungen einer inneren Disposition des Menschen entsprechen und er sich als Produzent, damit auch als Reformator dieser Bilder erkennt: Man kann die Position wechseln, neue Perspektiven einsehen, andere Bilder konstruieren, neue Beziehungen eingehen. Das ist zum Teil Erinnerungsarbeit, zum Teil Arbeit an dem, was kommt und artikuliert gleichermaßen die politische Dimension dieses Programms.

Ich möchte diese Politik der Wahrnehmung an einer Erfahrung veranschaulichen, die ihnen allen vertraut ist. Ich fahre viel Zug, vielleicht etwas zu viel, und da kann es passieren, dass ich tatsächlich in den vielen Leerminuten, die notwendig zwischen lesen, hören und schauen sich einstellen, an das denke, was ich gerade tue, eben Zug fahren. Vor kurzem war es die Durchsage des Zugführers, die mich auf den Plan rief. Die Stimme sagte nichts neues, im Gegenteil, bloss hundertfach Gehörtes, wir hatten gerade einen Bahnhof verlassen und wurden nun alle wieder begrüsst, informiert über die Verspätung, eingeladen in den Speisewagen... Es ist offensichtlich, dieser Text ist vorgefertigt, ist eine Stereotype, ist vom System "Zug" selber verfasst, da er die von ihm transportierten Objekte, die Reisenden, zwar in deren eigener Sprache anspricht, doch mit der Geste einer Maschine, die eigentlich nur ein einziges Ziel verfolgt, sich möglichst fehlerfrei zu wiederholen.

Jeden Tag fahren in gleichen Zeitabständen Züge die gleiche Strecke, es ist eine ungeheure Verdichtung von Material, Energie und Organisation, die aus dem Zug eine der Mobilisierung der modernen Gesellschaft zulässige mechanische Gewalt macht, ein "System", dem sich die Reisenden bedingungslos anvertrauen, ja unterwerfen müssen, um es für ihre Fortbewegung nutzen zu können. Somit ist die Grunderfahrung des Zugfahrens sicherlich die, dass es der Zug als System ist, der uns fährt, nicht wir fahren, wir werden gefahren. Dieses System interessiert sich nicht für die zu transportierenden Menschen, sein maschineller Eigensinn macht klar, dass zwar "wir" den Zug erfunden haben, die Maschine sich aber verselbständigt hat und als ein technisches System uns autokratisch gegenüber tritt.

Wir merken dies vor allem daran, dass sich der Zug nicht aufhalten lässt in seinem Telos, seiner Bestimmung zu fahren, stetig voran zu fahren und an vorgesehenen Punkten zu halten. Die Pannen, ein kurzfristiger Streik der Eisenbahnergewerkschaft, ein Griff zur Notbremse, sie machen bloss unmissverständlich klar, dass weiter gefahren werden muss, nicht weil wir das so wollen, sondern weil das Verkehrssystem Zug es so vorschreibt. Das macht ein wenig hilflos, traurig, ist beklemmend. Doch dann gibt es da diese Stimme. Auch wenn sie nichts anderes tut, als einen standardisierten Satz zu sagen, so ist sie doch das genaue Gegenteil dessen, was sie bedient. Sie ist einzigartig, individuell, fehlerhaft, launig, und sie richtet sich an Reisende, die gleichfalls Individuen sind, mit je eigenen Lebensgeschichten, Stimmungen und Interessen.

Es ist fast so, als ob das Hören, ja das Erkennen dieser Stimme im Getriebe mechanischer Fortbewegung auch dazu da ist, die vom Zug gefahrenen Menschen - wieder - zu erinnern an sich selber als Menschen. Nun erscheint mir das Zusammengewürfelte all dieser Passagiere, ihre Verschiedenheit und vielleicht auch Unvereinbarkeit als ein positives Bild. Meine Wahrnehmung erinnert sich nun, dass sie trotz ihrer Konditionierung von der Mechanik des Fahrens, trotz ihres Objektstatus und ihrer universellen Getriebenheit im modernen Leben, eigentlich auch das Passive, das Untätige des auf seinen Platz verwiesenen Passagiers geniessen kann - und Gedanken dieserart nachzuhängen vermag, die sicherlich als eine Art unbeabsichtigter Mehrwert des Zugfahrens zu verstehen sind. Diese zugleich politische wie versöhnliche Wahrnehmung habe ich vermutlich in meiner Anfangszeit in der Modellschule Graz zuzulassen und zu pflegen begonnen.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass man - entgegen der "doppelten Unfähigkeit" von Rousseau, "sich in der Gesellschaft zu Hause zu fühlen und außerhalb der Gesellschaft zu leben." - im Zusammentreffen mit Werner Wolf und seiner Arbeit, mit seinem Museum der Wahrnehmung, vor allem lernen kann, mit sich selber in aller Offenheit zuhause sein zu können!

Marc Ries