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Heinz Greissing Ausstellung
29.11. bis 30.12. 2002
MUWA Museum der Wahrnehmung
Eröffnung 29.11. 2002, 20.00 Uhr


DIE WIRKLICHKEIT IST EIN MODELL DES BILDES

Von einem, der das Museum der Wahrnehumng 1996 offiziell seiner Bestimmung übergeben hat, stammt der Ausspruch: "Ich denke viel über das Ich nach – aber wenig über mich selbst!" Wenn Heinz von Foerster, der vor wenigen Wochen verstorbene Erkenntnistheoretiker, sich der Paradoxien bediente, um "...das Verstehen zu verstehen; das Lernen zu lernen", dann ist es dem Maler Heinz Greissing daran gelegen, "das Sehen zu sehen", das Abbilden abzubilden. Folgt man der Foersterschen Inversion von Wittgensteins Theorem "Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit" so kann man mit Heinz Greissing mutmaßen: "Die Wirklichkeit ist ein Modell des Bildes." Mit diesen etwas verstörenden Gedankensprüngen um den Status von Wirklichkeit darf man sich befassen, wenn man von Arbeiten Heinz Greissings umgeben ist.

Otto Breicha, der langjährige Leiter des Grazer Kulturhauses hat in den frühen achziger Jahren in mehreren Katalogtexten die Arbeiten Heinz Greissings über den Begriff der Simultanität gedeutet. In Fortsetzung der Kontinuität der klassischen Moderne erblickte Breicha in Greissings "Streifenbildern" eine Weiterentwicklung der Arbeitsweisen des Kubismus und der Futuristen. Heinz Greissing ist vor mehr als zwei Jahrzehnten dazu übergegangen, in "Streifenbildern" segmentiert auf der Leinwand festzuhalten, was im Zeitfluss eines Tages, in der Gleichzeitigkeit räumlicher Dimensionen und im Ortswechsel von Bewegung rund um ihn sich ereignet.

Auch Picasso und Braque hätten ihre Motive umkreist, von verschiedenen Seiten angepeilt, auch Monet schon hätte in seinen Darstellungen der Kathedrale von Rouen den Wechsel der Tageszeiten ins Bild gebracht. Die Gleichzeitigkeit des Blicks auf verschiedene Ansichten eines Objekts, auf dessen unterschiedliche Erscheinungsweise im Zeitfluss und unter den Bedingungen sich wandelnder Beleuchtungen ist Thema und Faszinosum dieser von Otto Breicha für Greissing wieder in Anspruch genommenen Deutungsebene.

In Otto Breichas Charakterisierung der Malerei Heinz Greissings schwingt damit jener ontologische Wirklichkeitsbegriff mit, der Ludwig Wittgenstein veranlasst hat, das oben genannte Theorem zu formulieren: "Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit". Die paradoxe Umdrehung oder Inversion dieses Satzes Wittgensteins durch seinen Groß-Neffen Heinz von Foerster und die Popularisierung solcher paradoxer Umkehrungen durch die Denkschule des Konstruktivismus machen deutlich, wie tiefgreifend sich das Verständnis von Wirklichkeit in den vergangenen 25 Jahren vor allem durch den Einfluss der zeitgebundenen Medien gewandelt hat und wie hilfreich sich dieser Wandel für das Verstehen von Kunst erweisen kann. Während nämlich die Deutung beispielsweise der Kunst der Klassischen Moderne darum bemüht ist, einer realen Wirklichkeit der Welt die Wirklichkeit des Bildes zur Seite zu stellen, ist es einer nicht dualistische Erkenntnistheorie wie dem Konstruktivismus daran gelegen, klar zu machen, dass "die" Wirklichkeit für uns als Subjekte nicht deutbar bleibt. Der Konstruktivismus verzichtet auf das Referenzsystem einer objektivierbaren Wirklichkeit.

Dualistisches Denken über Kunst geht davon aus, dass es Subjekt und Objekt gibt, dass Wirklichkeit existiert, dass Wahrnehmung dieser Wirklichkeit vor sich geht und dass daraus Erkenntnis erfließen kann. Dualistisches Denken stellt dann aber die Frage, wie wahr ist diese Wahrnehmung und wie lässt sich diese Wahrheit überprüfen? Spätestens dann wird klar, dass uns der archimedische Punkt fehlt, den wir als Maßeinheit für den Grad von Wahrheit heranziehen könnten. Unsere Denktradition geht davon aus, dass es eine wahre Wirklichkeit gibt, der sich im Fall der Kunst eine eventuell wahre hinzugesellt. Die Kunst, die sich der neuen Medien bedient und die Mediatisierung unserer Gesellschaft machen dagegen deutlich: Die Frage lautet nicht mehr: was gibt es und was gibt es nicht? Sondern: welche Prozesse laufen ab ,in welcher Weise sind wir als Beobachter verantwortlich daran beteiligt, und: welche Bedeutung haben diese Prozesse für uns als Individuen und Gesellschaften?

So besehen können wir heute sagen, dass wir Wittgenstein verstanden haben, wenn er das Bild als ein Modell der Wirklichkeit bezeichnet hat. Schwieriger ist es noch für uns nachzuvollziehen, dass die Wirklichkeit ein Modell des Bildes sein soll. Doch: Unsere Wirklichkeit ist und bleibt lediglich "Wahrnehmungswirklichkeit". Wahrnehmungswirklichkeit ist das Ergebnis von Wahrnehmungsprozessen, von Operationen, die im Kontext unserer individuellen Geschichte, unseres Kulturkreises, unserer Ethnien stattfinden und in den Diskurswirklichkeiten unserer Kommunikation. "Die Wirklichkeit ist ein Modell des Bildes" bringt zum Ausdruck, dass sich unsere Wahrnehmungswirklichkeiten zunehmend an den Bildwirklichkeiten unserer individuellen und gesellschaftlichen Praxis orientieren. Paradoxerweise entledigen sich damit virtuelle Wirklichkeiten ihrer Virtualität, dann nämlich, wenn das möglich Wirkliche für uns tatsächlich real geworden ist.

Heinz Greissing erkundet mit den Mitteln traditioneller Malerei ein Terrain, auf das sich die zeitgenössische zeitbasierte Kunst meist nur mit apparativer Unterstützung einlässt. Greissings malerisches Werk dokumentiert damit die Vorwegnahme eines künstlerischen Blicks, der üblicherweise nur der digitalen Kunst der Gegenwart zugebilligt wird.

In Heinz Greissings Malerei wird aber zugleich eine mehrfache Tücke sichtbar: wir nähern uns seinen Bildern angezogen von der scheinbaren Gegenständlichkeit seiner Landschaften, von Authentizität des andalusischen Lichts, der Simultanität von einander durchdringenden Raumansichten und Zeitflüssen. Dieser unserer Neigung am verlockend Schönen anzuhaften, hält uns Heinz Greissing mit seiner Methode entgegen, dass dies alles überhaupt nicht und schon gar nicht in seiner Gleichzeitigkeit zu haben ist. Es sei denn, wir akzeptierten Bildwirklichkeit als Wirklichkeit.

Otto Breicha hat festgestellt: "Im Grunde malt Greissing als rein künstlerisches Thema das wahrnehmende Subjekt – also sich selbst – inmitten der Landschaft." Das Wahrnehmen wahrzunehmen ist das Angebot von Heinz Greissings Malerei.

Und über das Schöne und seine Rolle in der Kunst spricht Heinz Greissing am liebsten mit den Worten Herbert Boeckls, der Identifikationsfigur österreichischer Kunst nach 45, der ihm einmal zuraunte: "...wenn’s den Leuten gfällt, dann ist es schon falsch."


Werner Wolf


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heinz greissing,
1933 in wien geboren, verbrachte seine kindheit in ungarn.
medizinstudium in innsbruck, 1956-64 studium an der akademie der bildenden künste in wien u.a.bei herbert boeckl und fritz wotruba.1979-80 von den "geschriebenen Landschaften" zu den "streifenbildern". zahlreiche ausstellungen, zuletzt 2002 im bregenzer kunstverein.

ausstellung: 30.11. 2002 – 30.12.2002
täglich 14.00 bis 18.30 uhr, außer dienstag