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Rosa M Hessling: Ausstellung
MUWA-SPECIAL
FRANZ SCHUH: Das Verschreiben der Wahrnehmung - Über die Verschriftlichung von Sinneseindrücken
12.01.2003, 18.00 Uhr
Museum der Wahrnehmug
Ausstellung vom 10.1. bis 02.03.2003
Eröffnungsbrunch: 10.1. 2003, 11.00 Uhr
im Rahmen der Eröffnungsveranstaltungen von
Aktuelle Kunst in Graz
zum Beginn von
GRAZ 2003 KULTURHAUPTSTADT EUROPAS
In der Reihe
Reduktive Kunst im Museum der Wahrnehmung
Das Grazer Museum der Wahrnehmung widmet sich 2003 künstlerischen Arbeiten aus den Bereichen Fotografie, Bildende Kunst, Video und Skulptur, die sich weitgehend unter dem Begriff Reduktive Kunst zusammenfassen lassen. Formal differenziert ist ihnen der Gestus der Rückführung komplexer Gestaltungselemente gemeinsam.
zur Ausstellung Rosa M Hessling
Jede Annäherung an die Werke von Rosa M Hessling, die sich auf Bildbeschreibung stützt, erweist sich als im Grunde unzureichend. Mit diesem Umstand hat sich abzufinden, wer einmal vor ihren Bildtafeln verharrt, sich umwendet, einen Schritt zurücktritt und dann das eben Erblickte plötzlich in einem nie gesehen Licht aufleuchten, aufblitzen sieht. Oder aber nach Minuten wieder vor das selbe Bild gelangt und meint, es noch nie zuvor gesehen zu haben, denn wo erst Farbe glimmend aufglühte, schimmert nun tiefes Gold, das sich eine Kopfneigung später in heisses Kupfer verwandelt. Eine Ausstellung von Rosa M Hessling zu durchschreiten ist vergleichbar einem Besuch in La Chapell in Paris: Auch dort sehen wir – so oft wir auch wiederkommen - niemals das gleiche Licht, die gleichen Farben. Herakliths Satz "Es ist unmöglich, zweimal in den selben Fluss zu steigen" wird in Rosa M Hesslings Malerei zu einem bildnerischen Manifest transformiert.
Im Wechsel der Tageszeiten, der Beleuchtungen, der Eigenbewegung und der Geschwindigkeiten, aus der unterschiedlichen Distanz und Größe des Betrachters, der Betrachterin, entstehen Bildeindrücke von größter Vielfalt. Wenn Heinz von Foerster, der Konstruktivist und Kognitionstheoretiker, festgestellt hat, dass "...der Hörer, nicht der Sprecher die Bedeutung einer Aussage bestimmt", dann gilt für Rosa M. Hessling, dass nicht sie, die Malerin, Botschaften oder Anmutungsqualitäten definiert, sondern es unausweichlich der Verantwortung der BesucherInnen Ihrer Bilder überlassen bleibt, zu sehen, was sichtbar werden kann.
Rosa M Hessling steht mit ihrer Malerei in einer Denktradition, die weit über die Ismen der Geschichte der Bildenden Kunst hinausreicht. Ihrem Gestus der formalen Nüchternheit und der extremer Vereinfachung, der Reduktion der Ausdrucksmittel und der steten Wiederentdeckung der Ideen von Einfachheit können wir in der chinesischen oder der japanischen Dichtung begegnen wie auch in der Baukunst der Zisterzienser. Auf diese Freude an formaler Stille und Disziplin treffen wir in der Architektur eines Adolf Loos im Wien der vorangegangenen Jahrhundertwende oder in den minimalistischen Bauten des Zeitgenossen Tadao Ando. Die in ihren Bildern zum Ausdruck gebrachte Enthaltung und Enthaltsamkeit von formalem Dekor erscheint wie eine Parallele zu Musiken von Michael Nyman oder Philip Glass. Bei Rosa M Hessling sind es die Interferenzen raffinierter Pigmentaufträge, die ihren Bildern das eigentümlich pulsierendes Eigenleuchten verleihen.
Rosa M Hesslings Malerei ist stets eine Aufforderung, innehaltend in Bewegung zu bleiben, in Aufmerksamkeit Gelassenheit zu üben und über das Unglaubliche, das Rätselhafte und Wunderbare unserer Wahrnehmung zu staunen.
Werner Wolf
zum Werk Rosa M Hessling
Wir nähern uns einer Plastik völlig anders als einem Bild: Bei der flachen Bildtafel wählen wir möglichst den frontalen Blick und verweilen für die Dauer des Betrachtens vor dem Werk. Einem freistehenden Objekt im Raum begegnen wir dagegen unter Ausnutzung der eigenen Bewegung: wir treten heran, entfernen uns und gehen um das Objekt, um es von allen Seiten sehen zu können. Den Werken von Rosa M. Hessling können wir uns, obgleich sie an der Wand hängen, nur mit letzterem, dem raumbezogenen Vollzug des Sehens nähern. Die Kölner Künstlerin, die in den achziger Jahren bei Christian Megert und Nam June Paik an der Düsseldorfer Akademie studierte, widmet sich der Erkundung verschiedener Lichterscheinungen in der Malerei mit den Mitteln der Malerei. Sie stellt diese jedoch nicht im Bild dar, sondern erzeugt sie in differenzierten Malprozessen. Farbe wird hier zu einer Energieform, die sich dem Betrachter vor allem dann mitteilt, wenn er sich vor dem Bild bewegt.
Als Malgrund dienen Aluminiumplatten, die mit Lackschichten in Lasurtechnik so lange überzogen werden, bis die unterschiedlichen Pigmente der immer wieder neu gesetzten Farbschleier eine Einheit bilden und sich gleichzeitig durch den wechselnden Blick- oder Lichteinfallswinkel verändern. Bei den flach an der Wand hängenden Bilder entstehen durch die streng horizontale und vertikale Pinselführung verdichtete Zonen, die aufglänzen und deren Eigenglanz sich beim Vorübergehen zu verschiedenen Seiten hin steigern oder abnehmen kann. Ihre Farbflächen reagieren wie die schillernde Oberfläche mancher Insekten auf feinste Lichtveränderungen. Eingelagerte Pigmente verschlucken bestimmte Wellenlängen des Lichts und reflektieren andere. Farbintensität und metallischer Glanz sind aber auch von der Form und Dicke der Pigmente abhängig. Wie in einem Prisma entstehen je nach Einfallswinkel die unterschiedlichen Brechungen des Lichts.
Auf völlig andere Weise nutzt Rosa M. Hessling die Leuchtkraft der Farbpigmente in ihrer zweiten Werkgruppe. Hier erzeugen vertikale, im rechten Winkel zur Wand angebrachte Paneele immaterielle Farbreflexionen an der Wand. Der streng frontale Blick bringt das Farbleuchten zur Wirkung, nicht aber dessen Quelle. Seitliches Betrachten verwandelt die Arbeit in eine Abfolge definierter Farbflächen, die wiederum nichts von ihrer Strahlkraft erahnen lassen. Rosa M. Hessling animiert uns, genau hinzusehen und das Gesehene von wechselnden Standorten aus immer wieder zu überprüfen.
Andrea Legde
Rosa M Hessling
Malerische Lichtbildnerin
Ist es einem vergönnt, ein in stringenter Konsequenz entstandenes künstlerisches Werk zu betrachten, so interessiert stets auch die Frage, wie solche Ansätze entwickelt wurden, wo der Beginn festzumachen ist und welche unterschiedlichen Schritte einen solchen Schaffensprozess begleitet haben. Die Malerin Rosa M Hessling, die uns auch als Fotokünstlerin begegnet, bezeichnet sich selbst als die Gärtnerin des Lichtes. Und dies trifft in unterschiedlichen Aspekten auf ihr Werk zu. Der Begriff der Lichtbildnerei kommt einem in den Sinn und irritiert, denn er bezeichnete einst die Anfänge der künstlerischen Photographie. Es ist ungewöhnlich einen Terminus der Photographie auf eine Künstlerin anzuwenden, die zwar auch mit diesem Medium arbeitet, aber in der Hauptsache die Malerei mit aller Konsequenz betreibt. Das künstlerische Œuvre von Rosa M Hessling fasziniert durch die besondere Qualität von Farben, die sich nicht im klassischen Sinne im Lichte wandeln, sondern das Licht selbst zu den unterschiedlichsten Metamorphosen zwingen. Dabei geht die Künstlerin fast wissenschaftlich vor und gestaltet – einer Alchimistin gleich – in höchst differenzierten Dosierungen einen Zusammenklang von Pigmenten, Farbigkeiten und Stoffen, die selbst in der Lage sind, wie optische Batterien, Licht zu erzeugen. Diese Fähigkeit ermalt sie für jedes einzelne Gemälde und entlässt das Bild erst dann in seine "Selbstständigkeit", wenn es im Stande ist, ohne "Zusatz" von Beleuchtung oder anderer technischer Hilfsmittel zu leuchten, zu strahlen, sich zu verändern und mit dem Betrachter zu kommunizieren.
Die Malerei und das Licht sind Medium und Zielsetzung der künstlerischen Arbeit von Rosa M Hessling. Dabei hatte die Künstlerin zu Beginn ihres künstlerischen Werdeganges gerade mit der Malerei und dem Status, den diese neu in den frühen achtziger Jahren entwickelt hatte, große Probleme. Damals war die Malerei heftig, wild, expressiv und auf Selbstdarstellung – auch der Künstler – hin konzentriert. Rosa M Hessling vermisste hier ein dynamisches Lebensgefühl im Ausdruck und erlebte Malerei als ungenügend, um ihrem Wunsch nach Umsetzung von Zeitgeistigkeit, Präsenz und Geschwindigkeit zu entsprechen. Sie begann 1981 ihr Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf und startete zunächst im Bereich von Performances und Aktionen ihre Suche nach der geeigneten Form und Sprache ihres künstlerischen Ausdrucks. Vor diesem Hintergrund entstand auch die Arbeit DENK-MAL-SCHUTZ, in der sie als lebende, nicht sprechende Skulptur Stacheldraht für den Frieden entstachelte. Der Prozess war für Rosa M Hessling in dieser Aktion wichtig, ein Prozess des Machens, aber auch ein Prozess der Rezeption und der Bewusstwerdung, die den Betrachter ebenso mit einbezieht wie den Künstler selbst. Diese aktive Einbeziehung des Einzelnen in die Kunst hinein, ohne die sie nach Rosa M Hessling keine Bedeutung besitzt, blieb ihr in jeder weiteren der später entstandenen Konzepte und Serien erhalten.
Der Betrachter als verantwortungsbewusster und damit mitverantwortlicher Rezipient ihrer Kunst stellt seither ein wesentliches Kriterium ihrer künstlerischen Arbeit dar, denn ihre Aktionen wie Installationen wie Gemälde sind nur in dem Maße "lebendig", in dem der Einzelne sich ihrer annimmt, sie sich bewusst macht und in einen konkreten, für sich selbst geltenden Dialog eintritt.
Dieser innere Dialog als künstlerische Zielsetzung ließ Rosa M Hessling über die Arbeit mit Videofilmen und mit dem Eintritt in die Klasse von Nam Jun Paik letztlich wieder zur Malerei kommen, da hier die Geschwindigkeit, Intensität und Qualität des Dialoges anders als beim Medium der Performance oder dem des Filmes nicht vorgegeben wird – auch nicht durch die Geschwindigkeit des Films oder des Agierenden -, sondern sich aus der Balance zwischen Objekt und Betrachter ergibt. Erst wenn diese besondere Maßstäblichkeit zwischen den beiden "Handelnden" hergestellt ist, kann ein gleichgewichtiger Dialog beginnen, um den es in Rosa M Hesslings Arbeiten letztlich geht. In dieser Zeit formulierte Rosa M Hessling auch ihr erstes Manifest mit der Forderung der Gleichgewichtung der Dinge:
"Auf die Malerei bezogen bedeutet es, dass nicht aus Gründen einer vordergründigen Ästhetik die eine oder die andere Farbe einen Vorzug erhält; sei es durch Stellung, Dichte oder durch abweichende Materialqualität. Wird in der Abstraktion Ding-Mensch + Erscheinung der gleiche Realraum zubemessen, liegt für die nach außen strahlende Qualität nur die innere Substanz einer Materie zugrunde. Diese bedarf weder einer Auf- noch Abwertung durch das Urteil. Die Dinge an sich sind und erhalten nur durch Interpretation der Termini GUT oder BÖSE." (Manifest, 1985)
Seit diesem Zeitpunkt ist der wesentliche künstlerische Ansatz, mit dem Rosa M Hessling ihren Arbeiten gegenübertritt, die Auseinandersetzung mit der reinen Farbe. Dabei verzichtete sie von Anbeginn auf jede handschriftliche Präsenz in der Malerei, die ihr gerade aus der wilden Malerei der achtziger Jahre stets fremd, wenn nicht verdächtig geblieben ist. Damals entstand die 30 Gemälde umfassende Serie Tag/Nacht, die sich mit dem "Modulor" von Corbusier und der Gleichgewichtung von Farbe beschäftigte. Der Farbwahl der 30 Gemälde lagen lange geführte Farbtagebücher zugrunde, die die Entwicklung des Manifestes begleitet hatten. Die Künstlerin erarbeitet hier mit gleichsam mathematischen Systemen ein Farbmodul, in dem sich durch exakte Mischungen unendlich viele Farbklänge zueinander gesellen.
Rosa M Hessling kombinierte hier die Wertigkeiten der Farben geordnet nach viel und wenig Licht, die den Farben eigen sind. Dabei variiert sie unter der Thematik von Tag und Nacht, der An- und Abwesenheit von Helligkeit immer zwei Farben mit gegensätzlichen Lichtstärken. Sie reduziert die handschriftlichen Elemente auf ein absolutes Minimum, indem sie die Flächen homogen und ohne Pinselduktus nebeneinander setzt. Auch die Formate der Leinwände, die sie für diese Malereiserie verwandte, zeigen sich als Abfolge von stelenartigen, vertikalen Zeichensetzungen, die über die Gestaltung hinaus ein Höchstmaß an Konzentration und reduzierter Verdichtung möglich machen. Die Reihenfolge der Elemente, die nicht hierarchisch untereinander geordnet sind, lässt sich von rechts nach links genauso lesen wie von links nach rechts. Jedoch zielt die Betrachtung durch die starke Vertikalität auf ein sehr konzentriertes und auf das "Erhabene" reflektierendes Malereimodell, wie es die amerikanischen Farbmaler der ersten Generation heraus gefordert haben. Wichtig ist jedoch im Kontext der Tag/Nacht-Serie, die Rosa M Hessling erarbeitete, die faktische Kühle und analytische Stringenz der Umsetzung. Die Farbe ist weitestgehend einer emotional subjektiven Betrachtung entzogen und vollzieht sich in einem Höchstmaß an kalkuliertem, distanziertem Dualsystem, in dem die Wertigkeiten der Farbsätze einander ohne übersteigernde Empathie gegenübergesetzt sind.
Der Versuch, sich der Farbgesetzgebung wissenschaftlich analytisch anzunähern, ließ jedoch die virtuelle Lebendigkeit der Farbigkeit zu sehr unberücksichtigt, so dass Rosa M Hessling 1988, auf der Suche nach Farbmaterialität, die ihrer Vorstellung von Bewegung, Geschwindigkeit und Wandelbarkeit von Farbigkeiten näher kam, auf die lumineszierenden Materialien stieß, die sie seither in ihren Arbeiten verwendet. Diese Materialität von Farbe, in denen durch Interferenzen, Wellenüberlagerungen, parallele Lichtbrechungen die Wahrnehmung physikalisch neu determiniert wird, lässt eine Prozesshaftigkeit von Farbwahrnehmung zu, die Rosa M Hesslings Vorstellung von dialogischen Prinzipien sehr entgegenkommt. Während in den Tag/Nach-Arbeiten die Farbfelder vergleichsweise statuarisch gegeneinandergestellt waren und auch aus der rationalen Auseinandersetzung her sich gegenseitig beantworteten, entwickelt Rosa M Hessling in der darauffolgenden Farbmalerei eine Raumdimension von Farbe, die mit physikalischen Lichtprozessen einhergeht. Sie selbst formuliert für diesen Entwicklungsschritt:
"Die Präferenzen haben sich allmählich, konstant und letztlich konsequent von der reinen Farbe zum Licht gewandelt."
Im Anschluss daran entstehen seit den neunziger Jahren Arbeiten aus streng gebauten Serien in einfachen Reihungen von mehreren, bis hin zu einzelnen Arbeiten, die in der Strenge ihrer formalen Abläufe jedoch, was die Farbigkeiten betrifft, die Potenz von nahezu unendlichen, wenngleich sich immer wieder aufeinander beziehenden Farbmodulation besitzen. Die Arbeiten entwickeln sich im Kanon einer ihnen vorgegebenen Farbigkeit, die im gesamten Spektrum des Lichtes erstrahlen und selbst so schwierige Modulationen wie Gold und opalisierendes Weiß nicht ausnehmen. Die Farbigkeit dieser Arbeiten entsteht durch eine fast unzählbare Anzahl von lasierenden Schichten, die der Oberfläche einen sowohl metallischen wie immateriellen Glanz verleihen. Die Schichten, aus denen sich das Farblicht zusammensetzt, scheinen jedoch keine stoffliche Qualität zu besitzen, denn die Oberflächen der Trägerstoffe, sei es Aluminium oder in früheren Arbeiten die Leinwand, scheinen selbst nach den vielen Schichten noch spürbar erhalten zu sein. Die mit besonderen Pigmenten versetzten Farblasuren brechen das Licht in besonderer Weise und verändern sich im Winkel der Betrachtung ebenso wie unter Einfluss der Lichtzufuhr. Kleinste Änderungen im Standpunkt des Betrachters sowie das An- und Abschwellen von Lichtintensitäten im Raum oder die Veränderung von Lichtqualitäten in Bezug auf die Bildoberflächen lassen die Bilder zum Teil in ihren Farbvaleurs so wandeln, dass es kaum glaubhaft ist, das gleiche Bild zu sehen. Die Farbwirkungen, die Rosa M Hessling in dieser besonderen Technik kreiert, scheinen weniger ein Phänomen der Farbigkeit denn ein Phänomen des Lichtes zu sein, das der Betrachter im Erleben der Gemälde als Raumstimmung wahrnimmt und sich von den Bildern als Lichtquellen gleichsam angezogen und "erleuchtet" fühlt.
"SIESTA (Plus/Minus Rot) I – VII" von 1990 ist ein besonderes Beispiel, wie ein Farbklang sich in unendlich vielen "mehr oder weniger" Farbvaleurs in einem Raum ausdehnen kann, um hier simultan einen Ort von Ruhe, Rot und Regung zu erschaffen. Die Künstlerin hat sieben große Paneele von 2 x 1 Meter auf Nessel gemalt, die in ihrer Abfolge von lasierenden Rottönen je nach Betrachterstandpunkt nie dasselbe Bild zu sehen geben. Die Veränderung und das "Verschwinden von Rot", je nach Betrachterstandort, ist ein unaufhörlicher Prozess, der den Betrachter in die Rolle des Bildproduzenten nimmt. Die Verantwortung für die Wahrnehmung und das Erkennen trägt hier der Betrachter mit den Bildern gemeinsam und hat die Chance, wenn er sich auf diese besondere Form der prozessualen und sich ständig verändernden Betrachtungsweise einlässt, eine Kommunikation und einen Dialog mit den Bildern zu entwickeln, mit dem Raum und mit sich selbst. Diese besondere Dialogfähigkeit der Arbeiten von Rosa M Hessling hat sich im Fortgang ihrer künstlerischen Arbeit zu einer sehr meditativen und innerlichen Qualität verwandelt. Sind bei der frühen Arbeit "SIESTA (Plus/Minus Rot)" auch Elemente der Expansion und Raumdominanz spürbar, werden die Setzungen ihrer Arbeit zunehmend reduziert und bewegen sich in einem sehr innerlichen und mit fortschreitend zurückhaltenden Valeurs arbeitenden Medium. So sind die inhaltlichen Ansätze der Arbeiten denn auch immer stärker auf eine Selbstbewusstmachung der eigenen Befindlichkeit hin konzentriert, wie nicht zuletzt ein Titel wie "Change One‘s Mind" auszudrücken im Stande ist. Hier werden die zarten Farbvaleurs in einem fast immateriellen Licht wahrgenommen, das – und das wird von der Künstlerin bewusst zugelassen und intendiert – durchaus spirituellen Charakter besitzt. Die Kontemplation, die die letzten Arbeiten der Künstlerin entwickeln, stehen auch in direktem Kontext zu den Räumlichkeiten, die sie immer stärker auf ihre Bilder hin für Präsentationen aussucht, wie Kirchenräume oder besonders strukturierte museale Kontexte, die einen nahezu sakralen Charakter durch die Betrachtung und Lichtdimension der Bilder entwickeln. Dies gelingt Rosa M Hessling – man möchte versucht sein zu formulieren erstaunlicher Weise – auch in so industriellen und rüden Räumen wie im Kunstschalter e. V. in Köln, wo sie die beeindruckende Installation "Innocence" von 1999 realisiert hat. Die Farbflächen, die hier über dem Boden schweben, scheinen eine Materialität im Raum zu beschwören, die "nicht von dieser Welt zu sein scheint".
Rosa M Hesslings künstlerische Arbeiten lassen auch in zunehmenden Maße Qualitäten höchster ästhetischer Präsenz zu. Dies ist unter Berücksichtigung einer in gewissem Sinne ästhetikfeindlichen Kunstrezeption ein Wagnis besonderer Art. Kaum einem Betrachter gelingt es, im Anblick der Hessling’schen Gemälde sich von dem Erleben frei zu machen, das mit dem Begriff von "Schönheit" verbunden ist. Jedoch bleibt es nicht bei dieser Erfahrung, sondern die Bilder wandeln sich im Fortschritt der Wahrnehmung vom Schönen zum Geistigen und damit vom Optischen zum Inhaltlichen. Und genau um diesen Schritt geht es der Künstlerin, die in ihren Gärten des Lichts den Betrachtern ein Stück weit Leben näher bringen will.
Gabriele Uelsberg
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