Kunstausstellung

GILLA WÖLLMER

"FÜNFBRÜDER"

im MUWA-Obergeschoß

 

Eröffnung: Freitag, 5. August 2022, 19.30 Uhr

 

Im Rahmen der Eröffnung spricht EVA FÜRSTNER mit der Künstlerin und Mag. KURT ZERNIG, Chefkurator Botanik und Mykologie am Universalmuseum Joanneum

 

Ausstellung: 6.8.2022-30.01.2023

 


 GILLA WÖLLMER (Foto: MUWA), KURT ZERNIG (Gertrud Tritthart)

 

GILLA WÖLLMER

 „FÜNFBRÜDER“

 

Die Nürnberger Künstlerin GILLA WÖLLMER schuf ihre Serie „FÜNFBRÜDER“ auf Basis der unterschiedlich geformten Kelchblätter der Wild- oder Heckenrose, welche in einem mittelalterlichen Volksrätsel beschrieben sind. Der in Naturwissenschaft, Theologie, Philosophie und Rechtskunde umfassend gebildete Gelehrte Albertus Magnus (ca. 1200-1280) beschreibt als erster die geformten Kelchblätter dieses Urtyps der Rose in seiner botanischen Schriftenreihe DE VEGETABILIBUS, was die Position der Blätter, Vergleiche mit anderen Pflanzen und deren Funktion als Schutz gegen Austrocknung der Knospe und gegen Schädlingsbefall betrifft. Allerdings vermerkt er deren unterschiedliche Form nicht, sodass seine Autorenschaft hinsichtlich des Rätselreims als nicht gesichert gilt.

 

GILLA WÖLLMER interpretiert die „FÜNFBRÜDER“ als fünf Klosterbrüder unterschiedlichen Alters, also dementsprechend bartlos, vollbärtig und halbseitig bärtig. Anhand dieser fünf unterschiedlich geformten Kelchblattformen entwickelt sie eine fünfteilige Serie von Tuschezeichnungen, jeweils bestehend aus 5 Variationen. Die Basis bildet jeweils die vertikal positionierte singuläre Blattform und jeweils vier weitere seriell im Fünfeck angeordnete Variationen, basierend auf den Umrisslinien der Blattformen. Die Variationen entstehen durch Überschneidung, Auslassung oder Verwendung von Positiv-Negativ-Formen und sind pentagonal angeordnet, teilweise auch durch das Fünfeck gerahmt. Die Umrissform – ob vollständig oder partiell – bleibt dabei erhalten, mit Ausnahme der Zeichnung aus der Serie der zweiten, beidseits gefiederten Kelchblattform, die GILLA WÖLLMER abstrahierend in Form von fünf Kreisformen innerhalb eines Pentagons darstellt.

 

Im Laufe der Geschichte beeinflussten Wissenschaft und Kunst einander immer wieder. In der konkreten, konstruktiven Kunst und ihr nahe stehender Richtungen, wie sie das Museum der Wahrnehmung MUWA präsentiert, bilden beispielsweise die Mathematik oder die Geometrie für viele Künstler:innen die Grundlage für künstlerische Konzepte. Die über Jahrhunderte entwickelte Systematik in der Botanik, unter anderem in der zeichnerischen Darstellung von Pflanzen, zeugt ihrerseits von besonderer graphischer Gestaltungsfähigkeit, verbunden mit wissenschaftlicher Präzision.

 

GILLA WÖLLMER entwickelt aus einem botanischen Detail einer Pflanze ein System serieller Gestaltung nach bestimmten Prinzipien – 5 Variationen jeweils in einem Fünfeck angeordnet - und lenkt damit den Fokus auf genaues Hinsehen, sowohl was ihre gestalterischen Elemente als auch die botanischen Besonderheiten dieser Kelchblätter betrifft. Ein Exemplar dieser Rosenart befindet sich in einem der Café Jakomini-Hochbeete vor dem MUWA. Die unterschiedlich bepflanzten Hochbeete laden darüber hinaus dazu ein, parallel zu Genuss und Pflege die Formen und Details der Kräuter, Blüten oder Früchte näher zu betrachten.

 

 

GILLA WÖLLMER

„FIVE BRETHREN“

 

GILLA WÖLLMER, artist from Nuremberg, created her series "FÜNFBRÜDER" on the basis of the differently shaped sepals of the wild or dog rose, which are described in a medieval folk riddle. The scholar Albertus Magnus (ca. 1200-1280), extensively educated in natural science, theology, philosophy and jurisprudence, is the first to describe the shaped sepals of this original type of rose in his botanical series DE VEGETABILIBUS, regarding the position of the leaves, comparisons with other plants and their function as protection against desiccation of the bud and against pest attack. However, he does not note their different form, so that his authorship is not certain with regard to the riddle rhyme.

 

GILLA WÖLLMER interprets "FIVE BRETHREN" as five monastic brothers of different ages, thus correspondingly beardless, fully bearded and half-bearded. Based on these five differently shaped sepal forms, she develops a five-part series of ink drawings, each consisting of 5 variations. The basis in each case is the vertically positioned singular leaf shape and four further variations arranged serially in a pentagon, based on the outlines of the leaf shapes. The variations are created by overlapping, omitting or using positive-negative shapes and are arranged pentagonally, partly also framed by the pentagon. The outline shape - whether complete or partial - is retained, with the exception of the drawing from the series of the second sepal shape, feathered on both sides, which GILLA WÖLLMER depicts abstracting in the form of five circular shapes within a pentagon.

 

Throughout history, science and art have influenced each other. In concrete, constructive art and related directions, as presented by the Museum of Perception MUWA, mathematics or geometry, for example, form the basis for artistic concepts for many artists. The systematics developed over centuries in botany, among other things in the graphic representation of plants, testify to visual design skills combined with scientific precision.

 

GILLA WÖLLMER develops a system of serial design from a botanical detail of a plant according to certain principles - 5 variations each arranged in a pentagon - and thus directs the focus to close observation, both in terms of her design elements and the botanical peculiarities of these sepals. A specimen of this type of rose can be found in one of the Café Jakomini urban gardening area in front of the MUWA. The differently planted raised beds also invite visitors to take a closer look at the shapes and details of the herbs, blossoms or fruits in parallel to enjoying and caring for them.

 

 

GILLA WÖLLMER wurde 1952 in Nürnberg geboren. Von 1970 bis 1975 absolviert sie eine Ausbildung zur Gold- und Silberschmiedin und Graveurin an der Staatlichen Fachschule für Glas und Schmuck in Kaufbeuren-Neugablonz. Es folgt das Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg von 1975 bis 1981 mit Ernennung zur Meisterschülerin 1980 und Diplom-Abschluss 1981. Seit 1981 arbeitet sie selbständig im eigenen Atelier. Von 1985 bis 1987 erhält die Künstlerin ein Stipendium zur Förderung des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchses in Bayern durch das Bayrische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Von 1990 bis 1995 studiert GILLA WÖLLMER Orientalistik an der Universität Erlangen-Nürnberg und von 1992 bis 1995 Islamische Kunstgeschichte an der Universität Bamberg. Seit 2005 gestaltet sie freie Ikebana-Arbeiten nach der Sogetsu- und Kiko-Schule. 2013 erhält sie das Lehrerdiplom 4th grade für Ikebana der Sogetsu School in Tokyo. GILLA WÖLLMER unternimmt zahlreiche Studienreisen nach Nord- und Westafrika, in den Nahen und Mittleren Osten sowie in den Fernen Osten. Sie bestreitet nationale und internationale Ausstellungen, erhält Kunstpreise für Schmuck und Kleinplastik. Ihre Arbeiten befinden in Museen und öffentlichen Sammlungen. GILLA WÖLLMER lebt und arbeitet in Nürnberg.

 

KURT ZERNIG (geb. 1967 in Klagenfurt) studierte Biologie mit Schwerpunkt Botanik an der Universität Graz und absolvierte dabei auch einen 3-semestrigen Studienaufenthalt an der kolumbianischen National-Universität in Bogotá. 1997 nahm er im Universalmuseum Joanneum die Stelle als Registrar der botanischen und mykologischen Sammlung an; diese Sammlung des Joanneums leitet er nun seit 2005. Zu seinen Aufgaben zählen neben der Betreuung der Sammlung mit über 700.000 Herbarbelegen auch eigene Forschungsarbeiten, ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm für pflanzen- und pilzkundlich Interessierte sowie das Einbringen botanischer Themen in Ausstellungen.