JWB Wien Graz Anchorage

Eröffnung: 1. 12. 2017, 19:30 Uhr

im MUWA-Obergeschoß

Einführung: Karl Baratta

Ausstellung mit Arbeiten von

ISI Dietmar Werner

August Ruhs

Hans Kupelwieser

Christian Fleck

Manfred Plottegg

Tex Rubinowitz

Erwin Schwentner

Ausstellung: 1. 12. 2017 - 8. 3. 2018

täglich von 13:00 bis 18:00 Uhr, außer Dienstag

Weitere Schließtage: 13./24./25./31.12.2017 und 1.1.2018, 17.2.-26.2.2018

 

 

JWB Wien Graz Anchorage

 

Johann Peter Weißmüller, genannt Johnny Weissmuller, war der erste Mensch.

Der die 100-Meter-Strecke unter einer Minute schwamm.

Als Tarzan, Herrscher des Dschungels, ist Johnny Weissmuller Bestandteil der Kulturgeschichte und Namensgeber des JWB. Bemühungen, gegen den Strom zu schwimmen, die Förderung der Koexistenz von Gegensätzlichkeiten, das Vertrauen auf die Kraft des Einfalls, das Herausarbeiten begrifflicher Bodenlosigkeiten, die Professionalisierung des Dilettantismus und die Sublimierung des Banalen und Schludrigen im Zusammenhang mit der Einfuhr des Designs in die verwahrlosten Winkel der Alltagsverrichtungen sollten die Eckpunkte der diversen Arbeitsprojekte des Bundes markieren.

 

JWB: Jeder weiß Bescheid (aber er weiß es nicht)

  

 

Karl Baratta
Rede zur Eröffnung der Ausstellung des JWB im Museum der Wahrnehmung, Graz 1.12.2017

 



"Ich benütze den heutigen Anlass, der die Mehrzahl der Mitglieder des JWB versammelt, auf die Verdienste von Dr Schneider hinzuweisen und seine Aufnahme in den Jonny Weissmuller Bund zu beantragen.

Als singulärer Interventionist und Praktiker des politischen Denkens erfüllt er die grundsätzlichen Bedingungen, die mit einer Aufnahme verbunden sind.

Zur Unterstützung meines Antrags habe ich ein einige Fakten aus der Vita von Dr Schneider ausgewählt.

Doktor meint hier keinen Titel, sondern einen Namen. Dr Schneider hat im Interesse seiner Berufsausübung den Vornamen Doktor angenommen.

Ich fasse aus seinen Aufzeichnungen zusammen:

Nach der Matura meldet sich Dr Schneider zum Bundesheer, entscheidet sich aber nach drei Wochen nur mehr einen Satz von sich zu geben, nämlich, „ich bin ein Österrei“ und wird deshalb vom Wehrdienst befreit.

Seinen Pass trägt er immer bei sich und hat die Doppelseite mit seinen Personaldaten und seinem Foto vergrössert, gemalt und eingerahmt an der Wand über seinem Bett hängen.

In seiner Wohnung, die von seinen Eltern stammt, werden alle Räume bis zur Decke von einem wissenschaftlichen Privatarchiv eingenommen, er bewohnt nur sein ehemaliges Kinderzimmer, in dem er auf einer Österreich-förmigen Matratze schläft, auf die er zuweilen mit einem Küchenmesser einsticht, umgeben von Nachschlagewerken und Fachzeitschriften der Staatsbürgerkunde.

Dr Schneider ist Beamter im historischen Institut. In den Arbeitspausen zieht er sich auf die Toilette zurück, um ungestört die Wirksamkeit von Nazi Reden zu erproben. Jeden Tag erschrickt er über die wissenschaftlichen Irrtümer seiner ehemaligen und gegenwärtigen Kollegen.

Seine besondere Leidenschaft gehört den Briefbomben Attentaten. Er hat sie auf ihren genauen Hergang untersucht und sich gefragt: wie waren die Sprengsätze angelegt, wie viele Sekunden verstrichen zwischen dem Aufreissen des Umschlags und der Explosion? Ein oder zwei oder drei Sekunden? Hierüber schliesst er mit seinen Kollegen Wetten ab.

Auf der Strasse trifft Dr Schneiders Blick nur die Masse der Entgegenkommenden, die Gesamtheit der Staatsbürger, nie einen einzelnen Passanten.

Am Strassenboden zählt er die herumliegenden Papierschnitzel, sie sind Beweismaterial im historischen Prozess.

Zum selben Zweck entleert er Papierkörbe auf das Pflaster. Er ordnet ihre Inhalte mit einem Stock nach Grösse, Konsistenz, Geruch und Signalwert.

Jedesmal wenn er an einem Wachzimmer oder einem Amt vorbeigeht, zieht Dr Schneider einen österreichischen Wimpel aus seiner Aktentasche, schwenkt ihn, und sendet damit ein Signal aus, das aus dem Weltraum gelesen werden kann.

Er salutiert vor den Chauffeuren der Dienstwägen, die vor den Ministerien parken, um sich als eine Figur der Öffentlichkeit erkennen zu geben. Anschliessend winkt er in alle ihm sichtbaren Überwachungskameras und grüsst das Beobachtungspersonal hinter den Schirmen.

Dr Schneider fährt regelmässig mit allen Verkehrsmitteln bis zur Endstation und zurück. Dabei hält er sich nicht an den Haltegriffen fest, sondern gleicht jede Schwankung des Fahrzeugs mit einer Verschiebung des Eigengewichts aus. Sollte diese misslingen und Leute umgestossen werden, gibt er eine umfassende politische Erklärung dafür ab.

Am Sonntag erforscht Dr Schneider das Andenken staatstragender Politiker mit seiner Rückseite, er setzt sich auf ihre Ehrengräber und lässt die Körperschwere einwirken.

Jeden Tag führt er beim Ansehen der Nachrichtensendung Zib ein nachdenkliches, in der Lautstärke zunehmendes Selbstgespräch, in dem er Arme und Beine von sich schleudert. Seine Äusserungen hinterlassen bleibende Spuren in der Luft.

Am Morgen der Wahl öffnet Dr Schneider sein Schlafzimmerfenster und spricht in den Lichthof zum Volk.

In der Wahlkabine erstarrt er im Augenblick der Stimmabgabe, bis ihn die Wahlhelfer aufheben und wegtragen.

Er erklettert die Denkmäler der Gründerväter der Republik, und fragt sie auf Augenhöhe, was zu tun ist.

Er folgt ihrer Anweisung in der Verfassung zu lesen, indem er blossfüssig auf eine Grossdruckausgabe der Verfassung tritt und mit den Zehen die unter seinen Sohlen spürbaren Schriftzüge nachfährt,

und indem er einige Stunden am ersten Satz der Verfassung kaut, den er in Kleinarbeit aus alten Mannerschnitten hergestellt hat.

Hierauf nimmt Dr Schneider an einer Besucher-Führung durchs Parlament teil. Im Sitzungssaal beginnen sich seine Finger unkontrolliert zu strecken, abzubiegen, zu zucken, Stühle und Pulte anzugreifen und auf ihnen herumzugehen und herum zu trommeln. Hier brechen Dr Schneiders Aufzeichnungen ab. Ich vermute, er hatte einen Filmriss.

Danke!

Ich ersuche um günstige Beurteilung meines Antrags und um erste Stellungnahmen der Bundes-Mitglieder.

Noch ein Wort zur Ausstellung:

Ich denke wie Dr Schneider, dass unsere Wahrnehmung im allgemeinen von einer gigantischen Schwindelfirma hergestellt wird, die ganz ähnlich wie Madows Investment Firma funktioniert. Der Betrug ist zu unglaublich organisiert, als dass man ihn glauben könnte und wird trotzdem von jedem Menschen an einem gewissen Punkt seines Lebens durchschaut, verstanden und dann sofort wieder vergessen. Jeder weiss Bescheid ist der erste Satz in der Philosophie des JWB. Und hier in der Ausstellung können sie sich hervorragend von seiner Gültigkeit überzeugen."

 © Karl Baratta     

 

 

 

MEDIENBERICHT

Nachlese zum ORF Steiermark Radiobericht von Werner Ranacher zur Ausstellung: http://steiermark.orf.at/radio/stories/2882547/

Ausstellungsbericht von Martin Behr in den Salzburger Nachrichten vom 7.12.2017

 

Ausstellungstipp

im Falter 49/17