Kunstausstellung

JAROMÍR NOVOTNÝ "SLOW GESTURES"

  Dr.in BRITTA BUHLMANN,

Direktorin mpk Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (www.mpk.de)

 

Hineinhören in die Rede

zur Ausstellung können Sie über den Download im Folgenden! Zum Nachlesen finden Sie die Rede ebenfalls!

 

Download
JAROMÍR NOVOTNÝ "SLOW GESTURES"
Beginn der Einführungsrede von BRITTA BUHLMANN und Fotos der Ausstellung - ein Video-Zusammenschnitt von SABINE RAUCHENBERGER
B. BUHLMANN Start - Rede zu J.N..mp4
MP3 Audio Datei 57.0 MB

 

BRITTA E. BUHLMANN

zur Ausstellung von JAROMÍR NOVOTNÝ

 

Sehr geehrte Ausstellungsgäste,

 

trotz der coronabedingten, ungewöhnlichen Umstände ist es mir eine große Freude, hier in Ihrem Museum der Wahrnehmung, die Ausstellung mit Werken des tschechischen Künstlers Jaromír Novotný zu eröffnen.

 

Schon in der Einarbeitungsphase hatte ich den Eindruck, dass die Arbeiten Novotnýs ganz hervorragend in ein Museum passen, in dessen Namen die Wahrnehmung als essentielles Element integriert ist.

 

Vermutlich stimmen Sie mir zu, wenn ich sage, dass jede Museumsarbeit der Wahrnehmung gewidmet ist – aber Wahrnehmung ist eben nicht Wahrnehmung und auf diesen Punkt machen auch die Arbeiten von Jaromír Novotný aufmerksam.

Er hat einen präzisen Plan von der Hängung seiner Werke in Ihrer Ausstellungsarchitektur entwickelt, sich aber eine abweichende Präsentation vorbehalten. Das war klug, denn jeder, der Ausstellungen einrichtet, macht die Erfahrung, dass nicht nur Räume und Bilder – mitunter unerwartet – aufeinander reagieren, sondern in unterschiedlichen Kontexten auch Bilder auf Bilder. Es entstehen Dialoge, die wir nicht zwingend intellektuell durchdringen müssen, die aber stark zur Wirkung einer Ausstellung beitragen. Die muss nicht immer harmonisch sein. Gezielte, nennen wir sie „inlays“, können Störfaktoren bilden, die jedoch die Spannung des Raumes deutlich erhöhen.

 

Jaromír Novotný hat sich diese besondere Technik als bildimmanentes Gestaltungsmoment zu Eigen gemacht hat. Darauf werde ich zurückkommen. Genauso auf die Frage des Raumes.

 

Es sind eigenwillige, ruhige und zugleich herausfordernde Bilder, die der Künstler gestaltet.

Sie sind eigenwillig, weil sie sich der unmittelbaren Deutung durch ihre Betrachter zunächst verweigern.

 

Es entspricht unserer Gewohnheit in der Regel ja eher, eine Sache, die wir sehen einzuordnen, sie zu kategorisieren als sie in ihrer Erscheinung wahrzunehmen: Es fällt uns leichter, zu sagen ich sehe einen Schuh, einen Baum oder eine Landschaft, als festzustellen, da gibt es eine rote Fläche mit dynamischen Aufwölbungen oder lineare, horizontale Farbsetzungen, die sich von Braun zu Grün und Blau entwickeln.

Aus diesem Grund hat es die Konkrete Kunst, an die Novotnýs Werke auch erinnern, so schwer.

 

Damit sind wir schon bei einer anderen Eigenwilligkeit, nämlich der, Assoziationen an verschiedene kunsthistorische Phänomene hervorzurufen, ohne sich diesen vollumfänglich zuordnen zu lassen:

Einige von Ihnen werden an die Farbfeldmalerei vielleicht eines Mark Rothko (1903-1970) denken, vor allem, wenn Sie Ihr Augenmerk auf weich fließende Übergänge oder unscharfe Flächenbegrenzungen innerhalb einer Komposition richten. Eine andere Gemeinsamkeit liegt in der erwünschten Betrachter-Bild-Beziehung, die für Rothko eine Rolle spielte, die er mit Hängung und Lichtregie unterstützte. Mir scheint, Jaromír Novotný gibt sich ähnlichen Überlegungen hin.

Beide Künstler setzten auf die Wirkung der Farbe, anstatt unserem Auge figurative Angebote zu machen. Deutlich unterscheiden sie sich aber in ihrem jeweiligen Bildaufbau und im Umgang mit Farbe, die in Rothkos Werken durchaus kontrastreich sein kann, während Novotný im Bereich der chromatischen Unterscheidung arbeitet. Zutreffend für die Findungen beider Künstler halte ich Rothkos Diktum: „Bilder müssen geheimnisvoll sein“.

 

Schauen Sie auf die Schatten, die sich in Novotnýs transparenten Bildelementen zeigen, auf die Wirkung unterschiedlicher Bildgründe in einem Werk, oder jene der Farbe, die einmal eher pastos ein andermal aquarellhaft in eine Komposition eingebracht wird. Vor allem die Farbe Schwarz wird hier in der Ausstellung in Alternativen vorgestellt. Sie erscheint in einem kleinen Gemälde offenporig-dicht, an anderer Stelle eher weniger gesättigt, mal heller und mal ins Grau tendierend. Beachten Sie verschiedene Tiefenebenen in einem Bild und fragen Sie nach dem Zentrum eines Gemäldes. Sie werden auf zahlreiche Geheimnisse oder rätselhafte Momente aufmerksam werden.

 

Doch lassen Sie mich noch einen Augenblick bei Vergleichen bleiben:

Mein Blick fällt auf Bilder von Sean Scully.

 

Nehmen wir Scullys „Black paintings“ und eine Reihe danach entstandener Bilder, die fast monochrom sind und dann nach und nach eine reduzierte Farbigkeit und zarte räumliche Aspekte zeigen. Beide Künstler arbeiten – wenn auch auf unterschiedliche Weise - mit lebendigen Kanten. Bei Scully sind sie weich und lassen tiefer liegende Farbschichten vorsichtig aufscheinen. Novotný hingegen konfrontiert uns gelegentlich mit rüden An- und Überschneidungen des Rahmens, aber auch mit weichen, fast auratischen Übergangsmomenten von einer Bildfläche zur nächsten.

Beispiele sind hier ein hellgrünes Gemälde und ein weißes Bild, in dem feine Schattierungen durch die Über-und Unterschneidungen von Organza und Transparentpapier entstehen. Einer im Grunde minimalistischen Ausdrucksform verbindet Novotný expressive Momente, die der seiner Malerei innewohnenden Stille eine feine, subtile Lebendigkeit verleihen.

Beide Künstler pflegen einen klaren Farbaufbau. Während Scully mehrere Farbschichten übereinanderlegt und so eine reiche, in Nuancen changierende Farbigkeit erreicht, bleiben Novotnýs Farbüberlagerungen in der Regel partiell, im gleichen Farbton oder im Gegensatz von Schwarz und Weiß. Möglich ist auch, dass sie einer bewussten Störung der einheitlichen Bildfläche dienen, wie ein schwarzes Gemälde Untitled von 2016 zeigt (Nr. 10). Beachten Sie hier vor allem die Ränder, definiert von hart gegeneinander abgesetzten schwarz in schwarz gestalteten Streifen, die ein großes, ebenfalls schwarzes inneres Farbfeld rahmen. Eine Form expressiven Ausdrucks, nicht weich und einladend, sondern heftig, aufbegehrend und widerständig.

Unterstützt wird diese Wirkung durch malereifremde Materialien, wie hier z.B. Klebestreifen.

 

Schon damit verbietet sich eine Einordnung des Künstlers in den Kreis der Minimalisten. Ihre Maxime war es, neben schematischer Klarheit und Logik auf eine Entpersönlichung der Werke zu achten. Bilden sie doch einen Gegenpol zu solchen des abstrakten Expressionismus, die dem Ausdruck von Emotionalität im Bild gewidmet sind.

Die Reduktion auf einfache, übersichtliche geometrische Grundstrukturen wie Momente von Fülle und Leere, die in der minimalistischen Kunst eine Rolle spielen, finden sich auch in Novotnýs Bildern. Vergleiche bieten sich darüber hinaus an, wenn wir die Reduktion von Farben und Formen aufs Einfachste beachten – und dennoch: Wir können Jaromír Novotný keinen Minimalisten nennen. Zu individuell sind die “Ungereimtheiten“ in Übergängen und an einigen Rändern.

 

Zu Beginn habe ich die Konkrete Kunst erwähnt. Passt Novotný in deren Schema?

Sicher nicht, wenn wir bedenken, dass Konkrete Malerei in der Regel auf klaren mathematisch-geometrischen Grundlagen beruht. Auch Novotnýs Bilder zeigen geometrische Strukturen. Sie sind aber eher intuitiv und aus einem Gefühl für spannungsreiche Formgebung entstanden, denn als klar mathematisch definierte Ordnungen. Auch das wissenschaftliche, auf die Erforschung geometrischer Gegensätze ausgerichtete Denken ist Novotný eher fremd, wie auch das Interesse speziell an der Erforschung der Farbe. Eine starke Übereinstimmung hingegen zeigt sich in dem Anliegen, Geistiges zu materialisieren.

In meinen Augen ist Novotný ein Künstler, dem es gelingt, minimalistischen wie konkreten abstrakten Tendenzen eine emotionale und spirituelle Kraft zurückzugeben.

 

Versuchen wir einen systematischen Blick auf seine Malerei:

 

Allen hier in Graz gezeigten Arbeiten – sie entstanden in den Jahren von 2012 bis 2020 - ist gemeinsam, dass sie ganz offensichtlich auf das Mittel der Reduktion setzen und damit den Blick auf alle Details der Malerei selbst lenken. In der Regel sind die Bilder mit Acrylfarbe auf Leinwand oder synthetischen Organza gemalt – hier und da triff auch beides zu; und - jedenfalls in dieser Ausstellung - sind sie auf Keilrahmen gespannt.

 

Nun sollte aber niemand denken, dass es sich um Bilder handelt, wie wir sie üblicherweise kennen.

 

Ein Gefühl für Novotnýs Intension geben zwei Arbeiten ohne Titel aus dem Jahr 2019. Jede von ihnen zeigt eine schlichte schwarze Linie. Die eine wirkt streng senkrecht, die andere leicht diagonal in die Fläche gesetzt. Beachten Sie: in, nicht auf die Fläche gesetzt. Hier handelt es sich nämlich jeweils wieder um ein „Inlay“. Synthetischer Organza wurde mit Acrylfarbe bemalt und jeweils im Zentrum nicht - wie bei Fontana – aufgeschnitten, sondern es wurde dem Bild ein Stück entnommen. Dieses hat Novotný durch ein schwarzes Band ersetzt und von Hand eingenäht. Das Nähgarn können Sie in der Nahsicht gut erkennen. Dazu einige farbige Fäden, mit denen der Künstler einen Moment der Emotionalität einbringt.

Der Arbeitsprozess wird offengelegt. Und es geschieht ein Weiteres: Da das Band sich beim Einnähen bewegt, entsteht zwar eine Linie, isoliert, wie es uns auch von konstruktiven Konzepten nicht fremd ist. Sie unterscheidet sich in ihrer ganzen Schlichtheit aber dennoch gravierend. Der sichtbare Arbeitsprozess, die zarte Unregelmäßigkeit des Bandes, führen zu einer sehr subtilen Bewegung, einer individuellen Spur der Hand des Künstlers, die hier sichtbar wird als hauchzarte expressive Geste (Expressionismus light!).

Drei feine Linien, die sich im rechten Bild auf das schwarze Band zubewegen, weisen auf dieses hin und unterstützen – vielleicht schützen sie es auch.

 

Die Farbigkeit der Werke ist meist stark zurückgenommen. Gemälde wie das kraftvoll blaue Untitled von 2019 (Nr. 6) (140 x 120 cm) dessen nahezu monochrome Oberfläche lediglich von feinen horizontalen Pinselspuren belebt wird, bilden eher Ausnahmen von dieser Regel.

Und bitte beachten Sie: Das Bild ist mit einigem Abstand vor die Wand montiert, so dass sich auf dieser zarte farbige Schatten abzeichnen. Ähnlich dezent sind auch minimale Pinselspuren, die die Farbfläche des Gemäldes in Bewegung halten. Dazu kommt eine leicht asymmetrische Rahmenstärke (links ist er etwas breiter als rechts), die die bildimmanente Spannung zurückhaltend erhöht.

 

Schwarz und Weiß, sogenannte Nichtfarben, spielen eine bedeutende Rolle in Novotnýs Oeuvre. Es gelingt dem Künstler innerhalb auch dieser farblichen Reduktion ein breites Spektrum an Tönen zu entwickeln. Flächen von großer Dunkelheit und Tiefe stehen neben solchen, die wie aquarellartige Lasuren wirken. Der Farbauftrag ist meist dünn. Und obwohl Jaromír Novotný oft mehrere Farbschichten übereinanderlegt, bleibt sein Farbauftrag meist sehr zart. Er vermeidet die materielle Präsenz der Farbe!

Mit feinsten nahezu schattenhaften Verschiebungen lässt er zu, dass der Pinselduktus in seinen Bildern erkennbar, ja eher erahnbar bleibt und mit ihm der physische Einsatz, der den Entstehungsprozess des jeweiligen Werkes deutlich macht.

 

Hinweise auf die Entstehung der Bilder geben auch Linien unterschiedlicher Natur, seien es Knicke, Faltungen, Nähte oder Verletzungen. Sie können sehr fein erscheinen, wie bei dem Werk gleich im Eingangsbereich, können aus Klebestreifen bestehen oder eingenäht sein.

Möglicherweise rufen sie dem einen oder der anderen unter Ihnen in Erinnerung, dass Linien essentiell sind und in allen Kulturen und Techniken eine Rolle spielen.

Genau genommen können wir einen Bogen spannen von den ältesten Höhlenzeichnungen, über die notwendigerweise zusammengenähten Fellstücke, aus denen Menschen sich Kleidung nähten, bis hin zu computer- oder lasergenerierten Nähten und Linien an Autos oder Flugzeugen, die wir in unserem Alltag nicht explizit als solche wahrnehmen. (An die in einem Museum der Wahrnehmung aber gern erinnert werden darf.)

 

Neben der kulturhistorischen Einbindung und der Sensibilisierung unserer Wahrnehmung gibt es einen anderen sehr wichtigen Faktor im Werk Novotnýs: den Respekt.

 

Lassen Sie uns als Beispiel eine wieder unbenannte Arbeit aus dem Jahr 2016 (Nr. 4) anschauen. Aus gefundenen Holzstücken (auch dies ein Verweis auf gelebte Geschichte und Zeit) fertigte der Künstler einen, mit einer horizontalen Mittelachse verstärkten, Rahmen. Er bespannte ihn mit synthetischem Organza. Der Stoff liegt wie eine zarte Haut auf dem Rahmen. In den Raum zwischen diesen beiden Elementen schob Novotný eine schwarze Glasplatte. Ihre scharfen Ränder können den feinen Stoff leicht beschädigen.

Sich auf diese Kombination einzulassen bedeutet, die weiße Fläche als verwundbar wahrzunehmen und die Spannung zu fühlen, die nicht allein durch den farbigen Kontrast der ins Verhältnis gesetzten Flächen entsteht, sondern auch durch die Fragilität - sowohl der „gefährlichen“ Glasplatte als auch der gefährdeten Bildhaut, sprich Fläche. Um dieser ausreichend Raum zu lassen, präsentiert Novotný das Bild mit einem Abstand von ca. 6 cm vor der eigentlichen Wand. Die Elemente haben Luft, können in diesem Raum ihre Wirkung entfalten. Doch auch das Prekäre der Situation wird deutlich. Der Druck der Glasscheibe ruht alleine auf dem weichen Gewebe der Bildfläche. Er wird nicht durch die Festigkeit der Wand abgefangen.

 

Vielleicht passt es an dieser Stelle, noch einmal den Begriff der spirituellen Kraft zu erwähnen. Spirituell meint hier nicht religiös sondern geistig. Sehen Sie neben dem Raum die Leere der Flächen. In der asiatischen Tradition ist Leere eine Form der Freiheit und Voraussetzung für jeden Gedanken, in dem Sinn, dass die Leere uns auf einen Weg in den Raum „dahinter“ führt. In dessen immense Weite.

 

 

Erlauben Sie mir zum Abschluss noch einen sehr persönlichen Gedanken:

 

Spannung und Ambivalenz, sehr geehrte Damen und Herren, sind in Bezug auf Kunstbetrachtung meine Lieblingsworte. Sie in einem Bild nicht nur unterzubringen, sondern in schlüssigen, unkonventionellen Konzepten bzw. Kompositionen dergestalt zu vereinen, dass sie über ihr eigentliches so Sein hinausweisen, halte ich für eine große künstlerische Qualität. In den Werken von Jaromír Novotný dürfen wir sie erfahren.

 

Für Ihre Aufmerksamkeit herzlichen Dank!

 


Presseberichterstattung zur Ausstellung von Jaromír Novotný

 

Ausstellungsbericht von MICHAELA REICHART, Leiterin der Kulturredaktion der Kronenzeitung, in der Kronenzeitung vom 1.4.2020

 

Die Kulturredaktion der Kleinen Zeitung berichtet in der Printausgabe vom 1.4.2020 über das online-Kulturangebot,

wie u.a. über die Ausstellung

im Netz von Jaromír Novotný.


 

Tipp: Die Ausstellung im Netz

Aufgrund der aktuellen Situation COVID-19 betreffend zeigen wir Ihnen hier und auf den facebook-Seiten https://www.facebook.com/werner.wolf.397 / https://www.facebook.com/MUWA.Museum.der.Wahrnehmung/ laufend neue Bilder der derzeit leider nicht zugänglichen Ausstellung des tschechischen Künstlers JAROMÍR NOVOTNÝ!

 

„Katalog-Serie im Netz"
Anstelle eines analogen Rundgangs durch die derzeit geschlossene Ausstellung laden wir Sie hier zum virtuellen Spaziergang durch Bilder und Texte zur aktuellen Ausstellung JAROMÍR NOVOTNÝ im Museum der Wahrnehmung MUWA! Die gesamte Serie und weitere Meldungen finden Sie auch auf https://www.facebook.com/werner.wolf.397

 

Informationen zum Künstler finden Sie u.a. auf seiner Website www.jaromirnovotny.com

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Galerie hunt kastner Prag http://huntkastner.com/artists/jaromir-novotny

 

 

Der Rundgang durch die Ausstellung

JAROMÍR NOVOTNÝ "SLOW GESTURES"

 

Das hier abgebildete dritte, 2019 entstandene Werk von insgesamt elf im MUWA präsentierten Arbeiten zeigt in vielen Details die Besonderheiten wie die Veränderung im Licht, die aufsaugende Bildwirkung bezüglich der Rahmung, die Bodenlosigkeit der Gesamtkonstruktion und Berührungsqualität der Oberflächen.

 

 

Zum Werk Nr. 4 der Ausstellung von JAROMÍR NOVOTNÝ, das diesmal im Fokus steht, führt BRITTA E. BUHLMANN folgendes aus:

"Aus gefundenen Holzstücken (auch dies ein Verweis auf gelebte Geschichte und Zeit) fertigte der Künstler einen, mit einer horizontalen Mittelachse verstärkten, Rahmen. Er bespannte ihn mit synthetischem Organza. Der Stoff liegt wie eine zarte Haut auf dem Rahmen. In den Raum zwischen diesen beiden Elementen schob Novotný eine schwarze Glasplatte. Ihre scharfen Ränder können den feinen Stoff leicht beschädigen. Sich auf diese Kombination einzulassen bedeutet, die weiße Fläche als verwundbar wahrzunehmen und die Spannung zu fühlen, die nicht allein durch den farbigen Kontrast der ins Verhältnis gesetzten Flächen entsteht, sondern auch durch die Fragilität - sowohl der „gefährlichen“ Glasplatte als auch der gefährdeten Bildhaut, sprich Fläche. Um dieser ausreichend Raum zu lassen, präsentiert Novotný das Bild mit einem Abstand von ca. 6 cm vor der eigentlichen Wand. Die Elemente haben Luft, können in diesem Raum ihre Wirkung entfalten. Doch auch das Prekäre der Situation wird deutlich. Der Druck der Glasscheibe ruht alleine auf dem weichen Gewebe der Bildfläche. Er wird nicht durch die Festigkeit der Wand abgefangen."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Kunsthistoriker STEFAN KRAUS thematisiert in „Das Wesentliche der Malerei betrifft das Unsagbare – Überlegungen zu den Werken von Jaromír Novotný“ unter anderem die Möglichkeiten ästhetischer Erfahrungen, die sich beim Betrachten der Werke JAROMÍR NOVOTNÝS eröffnen.

 

Es ist eine ‚schmutzige‘ Schönheit, die sich in den Werken von Jaromír Novotný darstellt. Ihre Erhabenheit prägen weder ‚edle Einfalt‘ noch ‚stille Größe‘, wie sie Johann Joachim Winckelmann seinem Ideal der griechischen Skulptur zuschrieb, vielmehr verzichtet Novotný auf jede Idealisierung. Er formuliert die Schönheit seiner Bilder über den authentisch überlieferten Prozess, an dessen Ende sich die Verwandlung des faktischen Objekts in ein Gemälde darstellt, das uns einen Augenblick transzendenter Erfahrung ermöglichen kann. Dabei stellt sich Novotný der heterogenen und vielfach widersprüchlichen Gegenwart. Denn er verfolgt keine hermetische Ästhetik, die sich selbst genügt und eine Verwechslung von Kunst mit Künstlichkeit nahelegen könnte, sondern eine Transzendierung der Malerei, die ihren Sinn darin findet, den Betrachter an ästhetische Erfahrungen heranzuführen, welche die Vorstellung einer immateriellen und jenseitigen Wirklichkeit aufschließen ohne auf Brüche und Widersprüche zu verzichten. In ihrer ‚unsauberen‘ und ‚fehlerhaften‘ Erhabenheit erreichen seine Bilder eine humane Qualität, die den Betrachter in seiner eigenen Unzulänglichkeit nicht ausschließt sondern einlädt, sich mit ihnen in ein Verhältnis zu setzen. Auf der Suche nach diesem Moment der Verwandlung betreibt Jaromír Novotný die Malerei als Grenzerfahrung, wohl wissend, dass sie sich in ihren wesentlichen Qualitäten nie auf das Sichtbare und Sagbare bezogen hat, sondern das Unsichtbare sichtbar macht und dem mit Worten Unsagbaren einen sinnlich erfahrbaren Ausdruck gibt. Im Falle des Gelingens dieser Verwandlung lassen sich die Bildräume der Malerei in dieser Funktion durch kein anderes Medium ersetzen.“

Diese Textpassage entstammt der Zeitschrift Kunst und Kirche 01/2013, herausgegeben von Alois Kölbl und Norbert Schmidt, Springer Verlag Wien New York, S. 57

 

 

 

 

In der Ausstellung von JAROMÍR NOVOTNÝ „SLOW GESTURES“ geht es einen Schritt weiter zu einem zweiteiligen Werk (hier in der Ausstellung als Nr. 8 geführt) des tschechischen Künstlers, der in seinem Statement, zu lesen als Einführungstext an der Wand im Foyer, unter anderem auch darauf Bezug nimmt: "Ich weiß nicht, was ich tun soll, was zu tun ist. Ich beginne zu arbeiten, um es herauszufinden, lasse Dinge geschehen, sich selbst gestalten. Ich beobachte zwei ruhige Linien, die sich annähern, als ob ein Paar einen unbewegten Spaziergang macht."

 

In ihrer Einführungsrede zur Ausstellung NOVOTNÝS thematisiert Frau Dr.in BRITTA E. BUHLMANN, Leiterin des mpk Museum Plalzgalerie Kaiserslautern, diese Arbeit ausführlich: „Ein Gefühl für Novotnýs Intention geben zwei Arbeiten ohne Titel aus dem Jahr 2019. Jede von ihnen zeigt eine schlichte schwarze Linie. Die eine wirkt streng senkrecht, die andere leicht diagonal in die Fläche gesetzt. Beachten Sie: in, nicht auf die Fläche gesetzt. Hier handelt es sich nämlich jeweils wieder um ein „Inlay“. Synthetischer Organza wurde mit Acrylfarbe bemalt und jeweils im Zentrum nicht - wie bei Fontana – aufgeschnitten, sondern es wurde dem Bild ein Stück entnommen. Dieses hat Novotný durch ein schwarzes Band ersetzt und von Hand eingenäht. Das Nähgarn können Sie in der Nahsicht gut erkennen. Dazu einige farbige Fäden, mit denen der Künstler einen Moment der Emotionalität einbringt.

Der Arbeitsprozess wird offengelegt. Und es geschieht ein Weiteres: Da das Band sich beim Einnähen bewegt, entsteht zwar eine Linie, isoliert, wie es uns auch von konstruktiven Konzepten nicht fremd ist. Sie unterscheidet sich in ihrer ganzen Schlichtheit aber dennoch gravierend. Der sichtbare Arbeitsprozess, die zarte Unregelmäßigkeit des Bandes, führen zu einer sehr subtilen Bewegung, einer individuellen Spur der Hand des Künstlers, die hier sichtbar wird als hauchzarte expressive Geste (Expressionismus light!).

Drei feine Linien, die sich im rechten Bild auf das schwarze Band zubewegen, weisen auf dieses hin und unterstützen – vielleicht schützen sie es auch.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der "Katalog-Serie im Netz" notiert Prof. WERNER WOLF Folgendes zum Bild Nr. 9: "Wenn wir uns an JAROMIR NOVOTNÝS Satz erinnern. Er würde nicht Gegenstände malen sondern das Malen, so würden wir uns fragen, was für ein Grün er da vor den Augen hat, das er abbilden möchte: Ist es das Unreife, das Giftige, das Dämonische, das ihm da vorschwebt, oder ist es Grün, wie das Leben, Grün, das wächst, Grün als ein Symbol der Hoffnung auf Leben und Überleben. Dem Propheten Mohammed wird der Ausspruch zugeschrieben, das Anschauen des Grünen sei sogar ein Gottesdienst. Aus diesem Grund ist Grün ja die Kultfarbe des Islam geworden. Die „Farbe Grün“ ist (neben Rot und Blau) eine Grundfarbe der additiven Farbmischung. Bei einer subtraktiven Farbmischung erreicht man Grün durch Mischung von Cyan und Gelb. Die Komplementärfarbe ist Magenta.

Das grüne Chlorophyll der Pflanzen, oft grafisch als Blatt dargestellt, ergibt die Symbolik für Natur und Umweltschutz. So wurde es in Österreich die Symbolfarbe und Namensgeber der Partei Die Grünen. International nutzen aus der Umweltbewegung hervorgegangene Parteien das Grün ebenfalls als Symbolfarbe und Grün wurde seit der Erfindung der Regierungsbeteiligug zum Symbol derselben.

Bei JAROMÍR NOVOTNÝ ist es das hauchzarte, durchscheinende Grün eines gespannten, auf den Rahmen perfekt montierten und sich von silbrigen Glänzen zu einem satten Grün kaum merkbaren Verschieben, gleichsam wie für ein Instrument gespanntes, zu einer Berührung wünschendes, leise tönendes Saitenspiel verwandelt.

Welche Beschreibung welchen Gefühls trifft jetzt zu? Ist Sehen eine Frage des Alters, der Bildung, der sozialen Prägung des Umfeldes? Ist Grün eine Frage der Erziehung, des Erbes, der Religion?

Wer kann das sagen."

 

 

Zum vorliegenden Werk Nr. 10 der Ausstellung JAROMÍR NOVOTNÝ „SLOW GESTURES“ untersucht BRITTA E. BUHLMANN in ihrer Einführungsrede Parallelen und Gegensätze zu Arbeiten von SEAN SCULLY: „Während Scully mehrere Farbschichten übereinanderlegt und so eine reiche, in Nuancen changierende Farbigkeit erreicht, bleiben Novotnýs Farbüberlagerungen in der Regel partiell, im gleichen Farbton oder im Gegensatz von Schwarz und Weiß. Möglich ist auch, dass sie einer bewussten Störung der einheitlichen Bildfläche dienen, wie ein schwarzes Gemälde Untitled von 2016 zeigt (Nr. 10). Beachten Sie hier vor allem die Ränder, definiert von hart gegeneinander abgesetzten schwarz in schwarz gestalteten Streifen, die ein großes, ebenfalls schwarzes inneres Farbfeld rahmen. Eine Form expressiven Ausdrucks, nicht weich und einladend, sondern heftig, aufbegehrend und widerständig. Unterstützt wird diese Wirkung durch malereifremde Materialien, wie hier z.B. Klebestreifen.

 

WERNER WOLF schreibt in der „Katalog-Serie im Netz“ über die Verwendung der Farbe Schwarz: „Schwarz ist eine heilige Farbe in der Kunst: Sei es in den Werken VON ANISH KAPOOR, KASIMIR MALEWITSCH, PIERRE SOULAGES, LUCIO FONTANA oder MARK ROTHKO - schwarz ist nicht gleich schwarz. ANISH KAPOOR verwendet das Farbmaterial, besteht aus mikroskopisch kleinen, hauchdünnen Kohlenstoff-Nanoröhren, die das Licht zu fast 100 Prozent absorbieren. So muss ein schwarzes Loch wie im Weltraum aussehen. "Vantaschwarz" ist ein Schwarz, das ANISH KAPOOR exklusiv benutzen darf. Dem russischen Avantgarde-Künstler KASIMIR MALEWITSCH ging es bei seinem Gemälde "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ 1915 vor allem um eins: ...die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien. Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern die Empfindung der Gegenstandslosigkeit.“ Auch der amerikanische Maler Mark Rothko der Wegbereiter der Farbfeldmalerei, beschäftigte sich immer wieder aufs Neue mit der Farbe Schwarz. Auch als Komplementärfarbe setzte er sie in seinen abstrakten Bildern ein, wie in der Arbeit "Untitled (Black on Grey)", das im Guggenheim Museum in New York hängt. "Schwarz ist die aktivste Farbe überhaupt" meinte der französischen Maler PIERRE SOULAGES, der sagte: „Das erste Werk, das ich so gemalt habe, ist nicht mit der Farbe Schwarz gemalt, sondern mit den Reflexionen, die die Farbe Schwarz erzeugt hat. Nach einer Nacht sah ich, ich hatte nicht mit Schwarz gemalt, sondern ich habe über die Reflexionen der Farbe Schwarz das Licht gemalt. Für mich hat sich da ein unermesslicher Weg eröffnet.“ Nehmen Sie diese Beispiele, um sich der Malerei von JAROMIR NOVOTNÝ zu nähern, nehmen Sie sein Schwarz um sich seiner Unermesslichkeit zu nähern."

 

Weitere Seiten zum aktuellen online-Kunstgenuss:

Eine neuere Arbeit, das elfte Werk der Ausstellung "SLOW GESTURES" des tschechischen Künstlers im MUWA erreicht ihre Abtönungen von Weiß durch dreierlei Komponenten. Es beginnt mit der Grundfarbe des Bildträgers Polyester-Organza, eines durchscheinenden Gewebes, das eine nahezu unmerkliche, weiße Farbschicht erzeugt. Auf dieses Gewebe sind dünne Schichten weißer Acrylfarbe aufgetragen und als dritte Komponente hat NOVOTNÝ Schichten weißen Papiers hinterlegt.
Dr.in BRITTA E. BUHLMANN, Leiterin des mpk Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (www.mpk.de), widmet sich in ihrer Einführung zur Ausstellung auch der Farbe in JAROMÍR NOVOTNÝS Werk: „Schwarz und Weiß, sogenannte Nichtfarben, spielen eine bedeutende Rolle in Novotnýs Oeuvre. Es gelingt dem Künstler innerhalb auch dieser farblichen Reduktion ein breites Spektrum an Tönen zu entwickeln. Flächen von großer Dunkelheit und Tiefe stehen neben solchen, die wie aquarellartige Lasuren wirken. Der Farbauftrag ist meist dünn. Und obwohl Jaromír Novotný oft mehrere Farbschichten übereinanderlegt, bleibt sein Farbauftrag meist sehr zart. Er vermeidet die materielle Präsenz der Farbe!
Zur Widersprüchlichkeit, des „sowohl als auch“ im Hinblick auf dieses Werk NOVOTNÝS gibt es einen Text von WERNER WOLF – nachzulesen auf
Die Ausstellung findet in Kooperation mit der Galerie hunt kastner Prag statt, deren Homepage Sie finden: www.huntkastner.com
JAROMÍR NOVOTNÝ zeigt in seiner Ausstellung „SLOW GESTURES“ im MUWA auch eine, 2019 entstandene Video-Arbeit. Der Künstler zeigt durch Weiterblättern eine große Anzahl von DinA4-Blättern, auf welchen dieselbe, mithilfe einer Schablone entstandene Kreisform zu sehen ist, jedoch in unterschiedlicher Färbung und an unterschiedlicher Position am jeweiligen Blatt. Jedes Blatt ermöglicht den Vergleich mit dem nächsten, entzieht sich nicht sofort dem Blick der Betrachtenden, da es nicht umgeblättert, sondern über das letzte gelegt wird. Mit der sichtbaren und hörbaren Bewegung des manuellen Weiterblätterns der einzelnen Blätter durch die Hand des Künstlers entsteht zusätzlich Spannung zum, in Endlosschleife gezeigten Video-Format.
Einen ausführlichen Bericht zu dieser Arbeit können Sie auf der facebook-Seite von WERNER WOLF vom 18.4.2020 nachlesen:
www.facebook.com/werner.wolf.397

 

Die Arbeit von JAROMÍR NOVOTNÝ Ohne Titel von 2017, mit den Maßen 65 x 56 cm, Acryldispersion auf Polyester-Organza, schwarzer Faden, präsentiert sich den Betrachtenden zuerst beim Betreten des Hauptraumes der Ausstellung „SLOW GESTURES“ im Museum der Wahrnehmung MUWA, die derzeit aufgrund der Schutzmaßnahmen gegen COVID-19 noch nicht zugänglich ist.
Dr.in BRITTA BUHLMANN, Direktorin des mpk Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern www.mpk.de, spannt hinsichtlich der Linien in JAROMÍR NOVOTNÝS Werk einen weiten Bogen in die Kulturgeschichte: „Hinweise auf die Entstehung der Bilder geben auch Linien unterschiedlicher Natur, seien es Knicke, Faltungen, Nähte oder Verletzungen. Sie können sehr fein erscheinen, wie bei dem Werk gleich im Eingangsbereich, können aus Klebestreifen bestehen oder eingenäht sein. Möglicherweise rufen sie dem einen oder der anderen unter Ihnen in Erinnerung, dass Linien essentiell sind und in allen Kulturen und Techniken eine Rolle spielen. Genau genommen können wir einen Bogen spannen von den ältesten Höhlenzeichnungen, über die notwendigerweise zusammengenähten Fellstücke, aus denen Menschen sich Kleidung nähten, bis hin zu computer- oder lasergenerierten Nähten und Linien an Autos oder Flugzeugen, die wir in unserem Alltag nicht explizit als solche wahrnehmen. (An die in einem Museum der Wahrnehmung aber gern erinnert werden darf.)
MUWA-Gründungsdirektor Prof. WERNER WOLF hat zum oben vorgestellten Werk bereits am 16.4.2020 einen Beitrag auf seiner facebook-Seite veröffentlicht – lesen Sie nach auf: www.facebook.com/werner.wolf.397

 


JAROMÍR NOVOTNÝ

"SLOW GESTURES"

 

JAROMÍR NOVOTNÝ zeigt in seiner Ausstellung „SLOW GESTURES“ im Museum der Wahrnehmung MUWA Arbeiten, die im Zeitraum von 2012 bis 2020 entstanden sind. In der gegenstandslosen Malerei des tschechischen Künstlers hat die sparsame Verwendung von Materialien besondere Bedeutung. Seine zumeist monochromen Bilder, von matter bis zu hoch glänzender Oberfläche, weisen feine Farbnuancen auf und sind in vielen Abstufungen durchscheinend bis gänzlich deckend, da der Künstler seit mehreren Jahren synthetischen Organza, ein transparentes, schimmerndes Gewebe, als Trägermaterial verwendet.

 

Die Reduktion an Materialien fordert ein konzentriertes Beobachten, ein visuelles Abwandern der Oberfläche, ein Ausmachen von Tiefe und Dichte durch Annäherung und Entfernung vom Werk und verleiht Details Aufmerksamkeit. Die minimal farblich variierenden Flächen, die Oberflächenstruktur und die Durchlässigkeit des Trägermaterials verweisen überdies auf die Bedeutung des Lichts. Der von künstlichem wie auch von natürlichem, also sich veränderndem Licht gespeiste Ausstellungsraum des MUWA erzeugt kontinuierlich Veränderung in den Bildern.

 

In der Betrachtung der Arbeiten JAROMÍR NOVOTNÝS ist auffällig, dass die Malerei oftmals nicht bis zum äußersten Bildrand reicht. Vielfach sind auch der Rahmen und die Verstrebungen aus Holz durch das Trägermaterial hindurch sichtbar und liefern Zeugnis vom Entstehungsprozess. Mit diesen Übergängen von der Malerei zum unverarbeiteten Randbereich verfolgt NOVOTNÝ kein künstlerisches Prinzip, sondern er trifft vielmehr intuitiv oder nach bestimmten formalen Kriterien Entscheidungen im Zuge eines länger andauernden Prozesses. Die Komposition wird nicht vorbereitet, sie entsteht während des Malens. Im Hinblick auf sein jüngeres Werk spricht der Künstler von im Übergang, in einer Art Zwischenstadium befindlichen Arbeiten.

 

Basierend auf der Auseinandersetzung mit Form, Farbe, Material und Gestaltungsprozess steht für den Künstler jedoch die sinnliche und emotionale Erfahrung an erster Stelle als ultimative Daseinsberechtigung seiner Arbeiten. „Über die Verwandlung des Materials einen zeitgenössischen Ausdruck für das eigentlich Unsagbare zu finden“ schreibt der Kunsthistoriker STEFAN KRAUS in seinen Überlegungen zu den Werken von JAROMÍR NOVOTNÝ. „Das Bild öffnet sich – jenseits eines repräsentativen Anspruchs – in einer unverstellten Authentizität, es will Frage sein und nicht Behauptung.“

 

Eva Fürstner

 

 

JAROMÍR NOVOTNÝ

"SLOW GESTURES"

 

In his exhibition "SLOW GESTURES" at the Museum of Perception MUWA, JAROMÍR NOVOTNÝ shows works created between 2012 and 2020. In the non-representational painting of the Czech artist, the modest use of materials is of particular importance. His mostly monochrome works of subtle colour nuances, with matt to high gloss surfaces of different degrees of translucency, from almost transparent to opaque, take advantage of synthetic organza, translucent, shimmering fabric used by the artist for several years.

 

The material reduction calls for concentrated observation, visual examination of the surface, a search for depth and density through stepping forth and back, paying attention to details. The fields of minimally varied colour, the surface structure and the permeability of the support material also indicate the importance of light. MUWA's exhibition space, which is fed by artificial as well as natural, thus varying light, continuously causes the paintings to change.

 

When viewing the works of JAROMÍR NOVOTNÝ, zones where the painting stops closely before it reaches the very edge of the picture, are often noticeable. In many cases, the wooden stretcher frame and the cross bar are visible through the painting’s surface and provide evidence of the development process. That form of passages from painting to unprocessed border area is not so much what NOVOTNÝ would pursue as an artistic principle, but rather a result of decisions made intuitively or according to certain formal criteria in the course of a longer process. The composition is not prepared, but is developed while painting. Looking back at his recent work, the artist speaks of works in transition, at certain “in between” stage.

 

Based on the examination of form, colour, material and technique, the sensual and emotional experience comes first for the artist as the ultimate raison d'être of his work. “Finding a contemporary expression for what is actually unspeakable by transforming the material,” writes art historian STEFAN KRAUS in his reflections on the works of JAROMÍR NOVOTNÝ. "The image opens up - beyond a representative claim - in an undisguised authenticity, it wants to be a question and not an assertion."

 

Eva Fürstner

 

 

 

JAROMÍR NOVOTNÝ, 1974 geboren in Český Brod, Tschechoslowakei. Von 1993 bis 1999 studierte er Zeichnen und Konzeptkunst an der Akademie der Bildenden Künste in Prag. JAROMÍR NOVOTNÝ arbeitet mit den Mitteln der Malerei in einem umfassenderen Prozess, in welchem das Material zum Objekt wird. Sein Interesse gilt den sinnlichen Eigenschaften von Transparenz ebenso wie den, durch Maßstab und Komposition beeinflussten Beziehungen zum Körper.

Auswahl internationaler Einzelausstellungen der letzten Jahre: 2012 “Paintings”, Kolumba, Köln (D); 2015 “Backlight”, House of Art, České Budějovice (CZ); 2016 “White Room”, Geukens & De Vil, Antwerp (BE); 2016 “What a Painting Wants”, Georg Kargl Box, Vienna (AT); 2017 “The Body of a Painting”, hunt kastner, Prag.

Zu mehreren Ausstellungen JAROMÍR NOVOTNÝS sind Kataloge erschienen, zuletzt Formes du silence Convent of La Tourette – Le Corbusier – Geneviève Asse, Jaromír Novotný, Friederike von Rauch, Michel Verjux und Backlight, mit Texten von Marie-Paule De Vil & Yasmine Geukens, Václav Janoščík, Václav Krůček, Filip Šenk – veröffentlicht anlässlich der Ausstellung bei Geukens & De Vil, Antwerpen, 2016 und in der Axel Vervoordt Gallery, Hong Kong, 2016-17. JAROMÍR NOVOTNÝ wird durch die Galerien hunt kastner, Prag, Geukens & De Vil, Antwerpen und Axel Vervoordt Gallery, Antwerpen & Hong Kong vertreten.

 

www.jaromirnovotny.com

 

 

Dr.in BRITTA E. BUHLMANN, geboren 1956 in Büdesheim (Hessen), ist Direktorin des Museums Pfalzgalerie Kaiserslautern (mpk). Von 1975 bis 1983 studierte sie Kunstgeschichte, Geschichte, Evangelische Theologie und Archäologie an den Universitäten von Frankfurt/Main, Zürich und Bonn. Nach einem Volontariat 1984/85 am Hessischen Landesmuseum Darmstadt wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Krefelder Kunstmuseen. 1988 bis 1994 war sie bis zu ihrem Wechsel nach Kaiserslautern Direktorin der Städtischen Galerie Würzburg. Als Lehrbeauftragte vermittelte sie moderne und zeitgenössische Kunstgeschichte an den Universitäten von Würzburg, Saarbrücken, Kaiserslautern und Heidelberg. Dort wirkte sie zwischen 2000 und 2003 als Mitglied des Gründungsuniversitätsrats. Seit 2019 füllt sie diese Funktion im Universitätsrat der TU Kaiserslautern aus. Am mpk stellte sie zahlreiche Künstlerinnen und Künstler wie z. B. Carmen Herrera, Adolph Gottlieb, Charles Pollock, Pierette Bloch, Georgia Russel, Nobuyuki Tanaka oder Eva Jospin erstmals in Deutschland mit musealen Einzelausstellungen vor.

 

 

Weitere Texte zu/von JAROMÍR NOVOTNÝ

 

Auf die Frage, was ein Gemälde will, gibt JAROMÍR NOVOTNÝ Einblick in eine mögliche Antwort: „Ein Gemälde ist etwas Künstliches, als wäre es von selbst entstanden, ohne dass ich mich darum bemüht hätte. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass es sich nicht um „Arbeit von Menschenhand“ handelt, Malen als Ding, ein Objekt, das „hergestellt“ wird. Auf jeden Fall geht es jedoch um Bewegung innerhalb einer eng begrenzten Phase minimaler sichtbarer Transformationen, aus denen sich auch ein wichtiger funktionaler Aspekt ergibt; Gemälde, die darin bestehen, das Medium Malerei sichtbar zu machen. Stehend in vor einem Gemälde spüre ich die Existenz von hier und jetzt mit dem Bewusstsein, dieses „...Jetzt ist das innere Bild der Vergangenheit“."